Alpentour Wetzel 2003 / Traumrunde der Südalpen
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Erlebnisbericht: Alpentour Wetzel 2003
Erlebnisbericht von DragAttack (weitere...)
Tag 10: Guillestre - Guillestre: Traumrunde der Südalpen
244 km / 6750 Hm / 19.08.2003
Guillestre (0,0 km) - Col de Vars - Col de Larche - Colle dei Morti - Colle di Sampeyre - Col d'Agnel - Guillestre (244,0 km)
Beschreibung
5 Uhr, der Wecker klingelt. Sch... ist das früh! Noch zweimal verlängere ich die Frist um jeweils 10 min, bis ich mich aus dem Schlafsack kämpfe. Tatsächlich schaffe ich es wie geplant um (viertel nach) 6 aufzubrechen. Als Königsetappe der gesamten Tour habe ich mir für heute die Agnel-Runde – ein Rundkurs mit Start und Ziel in Guillestre über fünf Pässe mit ca. 250km und 6700Hm - vorgenommen.Als erstes steht der Col de Vars auf dem Programm. Auf 20 km Strecke geht es in zwei Stufen von 1000 bis auf 2109 m hinauf. Der erste Anstieg vollzieht sich steiler als erwartet. In Serpentinen und bei guter Aussicht gewinne ich schnell an Höhe. Nach etwa 8 km habe ich die erste Stufe und den größeren Teil der Höhendifferenz überwunden. Da sich der weitere Anstieg entlang des Tales vollzieht, bietet dieser nur wenig Ausblick. Ich fahre zunächst nahezu eben durch Vars und die dazugehörenden Wintersportorte, und dann mit überwiegend mäßiger Steigung bis zu Passhöhe.
Diese ist schneller als erwartet in knapp eineinhalb Stunden erreicht. Nach kurzer Pause stürz ich mich in die auf den ersten 8 km recht steile, und um diese Uhrzeit noch sehr kalte Abfahrt. In den auf dem Weg liegenden Tunneln bemerke ich, dass mein Vorderlicht nur noch schwach funktioniert - hoffentlich kann ich in Demonte ne neue Birne auftreiben.
Unten angekommen geht's gleich weiter zum Col de Larche.
Als Hauptverkehrsstraße und Grenzübergang nach Italien eingezeichnet, ist der Verkehr weniger schlimm als befürchtet. Direkt nach der Abzweigung bringt mich zunächst ein Radfahrer-Verboten-Schild zum stoppen. In Ermangelung einer Alternative (und gerade von einer Gruppe Radfahrern überholt), beschließe ich, dieses zu ignorieren.
Bis zum Pass auf 1991 m sind knapp 700 Hm auf 16 km Strecke zu überwinden, und das ohne nennenswerte Steilstellen. Die Landschaft ist unspektakulär aber schön, das Radfahren macht Spaß, und in wenig über einer Stunde ist der Pass erreicht. Die Abfahrt ist trotz einiger Serpentinen im oberen Bereich nicht steiler als der Anstieg - aber länger. Auf 42 km Strecke geht's nach Demonte (780 m) hinab. Der Verkehr ist inzwischen etwas stärker geworden. Bergab bei zügiger Fahrt ist er jedoch nur wenig störend. Unterwegs sind jedoch zwei enge Ortsdurchfahrten zu durchqueren. An den Ampeln, die jeweils nur eine Fahrtrichtung zulassen, staut sich der Verkehr und ich verliere wertvolle Zeit - gegen 11 Uhr erreiche ich Demonte. Um nicht bei Dunkelheit fahren zu müssen, hatte ich mir hier 12 Uhr als Cutoff-Zeit gesetzt. Ich bin also noch gut im Plan, verliere hier jedoch weitere Zeit, um mich mit Proviant zu versorgen und hauptsächlich auf der Suche nach einer neuen Birne für die Radbeleuchtung.
Erst kurz vor 12 komme ich dazu, den nächsten Pass in Angriff zu nehmen - den Colle dei Morti. Dieser ist landschaftlich der absolute Höhepunkt der heutigen Tour. Mit Straßen von 2-3 m Breite ist er auf den meisten Karten gar nicht (oder falsch) eingezeichnet. Auch als Colle della Fauniera bekannt, schwanken die Höhenangaben von 2480-2510 m - das Passschild wird sich auf 2481 m festlegen. Wegen der stark schwankenden Steigungen mit kurzen Flachstellen oder leichten Gegenabstiegen fällt es mir auf den ersten knapp 10km bis San Giacomo, dem letzten Ort bis zum Pass, schwer, einen Rhythmus zu finden. Etwas enttäuscht lese ich im Denzel, dass ich bis hier nur etwas über 500 Hm geschafft habe. Bei einer Durchnittssteigung zwischen Demonte und Pass von gut 7% ist das knapp 200 Hm zuwenig, und der weitere Anstieg verspricht wesentlich steiler zu werden. Wenig später beginnt mit ersten Serpentinen die steile Hälfte des Anstiegs.
Insbesondere dann, wenn die Streckenführung den Blick talauswärts zulässt, wird die Aussicht immer besser und auch die vor mir liegende Bergregion wird immer imposanter. Nach knapp 20km teilt sich das Tal in zwei Talkessel. Die Straße verläuft zunächst an der linken Seite des rechten Kessels und umrundet diesen im Uhrzeigersinn. Kurz bevor ich die rechte Seite des Kessel erreiche, zweigt nach links eine Straße ab und verläßt den Kessel über eine niedrige Kuppe – ist das schon der Pass?
Direkt hinter der Kuppe endet der Asphalt, es verbirgt sich dort ein Netz von Schotterpisten. Laut Denzel stehe ich auf dem Colle Valcavera. Zum dei Morti muss ich ein Stück weiter um den Kessel herum, noch ein letzter kurzer Anstieg, und nach 24 km und 2:33h ist der Pass erreicht.
Vom Rundblick überwältigt, bleibe ich beim Absteigen mit dem Trikot am Sattel hängen und find mich direkt darauf unterm Fahrrad liegend wieder. Glücklicherweise bleibt dieses der einzige Unfall der ganzen Reise.
Zwei italienische Radfahrer helfen mir wieder auf die Beine und versorgen die leichten Kratzer mit Taschentüchern. Auf beiden Seiten der Straße versprechen kleine Hügel noch bessere Sicht. Schnell lauf ich auf den kleineren der beiden. Im Moment ist es egal, ob ich noch bei Tageslicht zurück komme - in Demonte umgekehrt zu sein und dieses zu verpassen wäre unverzeihlich.
Auf Grund der noch vor mir liegenden Strecke mach ich mich nach viel zu kurzer Gipfelpause weiter. Bei der Abfahrt nach Ponte Marmora im Valle Maira sind die engen Straßen etwas gewöhnungsbedürftig. Die Straßenqualität ist zum größten Teil besser als befürchtet, auf kurzen Strecken jedoch stark sanierungsbedürftig mit Rollsplittgefahr. Nach gut 20km Abfahrt erreich ich bei Ponte Marmora auf 944müNN die Straße nach Cuneo.
Knapp 1000 m östlich geht links die Straße über Elva zum nächsten Pass, den Colle di Sampéyre auf 2284 m. Die 16 km lange Auffahrt ist von Beginn an steil. Von kurzen Flachstücken auf der ersten Hälfte abgesehen, beträgt die Steigung selten unter 8%. Kurzfristig werden Maxima von bis zu 15% erreicht. Auf den ersten Kilometern ist die Straße recht imposant mit mehreren kurzen Tunneln in den Felshang geschlagen, und die Aussicht beschränkt sich auf die unter einem liegende Schlucht.
Nach kurzer Strecke leere ich meine letzte Wasserflasche. Wie konnte ich nur vergessen, sie wieder aufzufüllen, hätte in Ponte Marmora überhaupt Gelegenheit dazu bestanden? Jetzt muss ich bis Elva durchhalten, welches etwa auf halber Strecke zum Pass liegt. 2-3 km, bevor ich den Ort erreiche, verlässt die Straße mit mehrere Serpentinen die Schlucht. Leider wird auch hier meist die Aussicht von Bäumen versperrt. Die Strecke zum Pass führt links an Elva vorbei – ich fahre geradeaus und stürze mich auf den Brunnen. Wenig später sind alle Flaschen wieder aufgefüllt, und ich kann nicht widerstehen, mir in der benachbarten Gaststätte eine völlig überteuerte Dose Cola zu leisten. Die weitere Fahrt zum Pass bleibt aussichtsarm und meine Beine zeigen erste Schwächen. Nach 1:55 h Anstieg erreiche ich endlich den Pass. Inzwischen ist es etwa halb sechs. Um neun wird es dunkel werden und zwischen mir und meinem Zelt liegt noch der Col d'Agnel.
Entsprechend kurz fällt die Gipfelpause aus. Die Abfahrt jedoch entschädigt für einiges. Mit nur wenigen scharfen Kurven läßt sie eine schnelle Fahrt zu. Für die 18km Strecke nach Sampeyre auf 970 m benötige ich nur 25 min.
Unten angekommen bleiben mir noch etwa 3h Tageslicht für den letzten Pass, die letzten 74km bis zum Zelt.
Der Anstieg zum Col d'Agnel auf 2744 m ist zweigeteilt. Auf den ersten 23 km wechseln sich längere Flach- und Steilstrecken ab. Insgesamt werden hierbei bis Chianale knapp 900 Hm gewonnen. Auch wen mir die Anstiege inzwischen deutlich schwerer fallen, schaff ich diesen Abschnitt noch recht zügig in knapp 1 1/2h. Dennoch zeichnet sich allmählich ab, dass das Tageslicht nicht bis Guillestre reichen wird – hoffentlich lag die nur schwach leuchtende Fahrradbeleuchtung tatsächlich an der Birne. Alternativpläne, Quartiersuche, morgen weiterfahren,...? Letztlich überwiegt der Ehrgeiz, die geplante Runde zuende zu bringen. Kurz hinter Chianale beginnt der eigentliche Anstieg. Mit bis zu 15% Steigung, durchschnittlich 10% führt die Straße mit vielen Serpentinen auf den kommenden 9 km zum Gipfel.
Hier muss ich die letzten Kräfte mobilisieren, um noch hinauf zu kommen. Glücklicherweise stehen in unregelmäßigen Abständen Hinweistafeln, die die restliche Strecke zum Pass, sowie Strecke und durchschnittliche Steigung zur nächsten Tafel anzeigen. So motiviere ich mich von einer Tafel zur nächsten, während die ständig besser werdende Fernsicht vom schwindenden Tageslicht getrübt wird. Ich muß diesen Pass unbedingt noch mal bei Tageslicht fahren. Nach dem, was ich noch hab erkennen können, dürfte die Aussicht mit der des Dei Morte vergleichbar sein. Um 21 Uhr komme ich in 1:16 h ab Chianale oben an.
Um das letzte Tageslicht noch möglichst weit in die Abfahrt zu retten, fahre ich ohne anzuhalten weiter. Dennoch muß ich den größten Teil im schwachen Licht der Fahrradbeleuchtung machen (leider hat die neue Birne nur wenig Besserung gebracht).
Insbesondere auf dem steilen Teil der Abfahrt - die ersten 20 km Richtung Nordwest bis Ville-Vieille - friere ich fürchterlich ohne die Möglichkeit, mich warmzustrampeln. Hier stoße ich auf die Straße Abriès-Guillestre und wenig später auf den Abzweig zum Col d'Izoard. Auf bekannter Strecke kämpfe ich mich die letzten 22 km nach Guillestre.
Mit gut 2h benötige ich für die 42km lange Abfahrt nach Guillestre fast ebensolange wie zuvor für den Anstieg ab Sampéyre. Um 23 Uhr sind leider alle Versuche, in Guillestre noch was vernünftiges (z.B. Nudeln) zu Essen finden, zum Scheitern verurteilt. Nach 15 h reiner Fahrzeit fall ich somit nach dem üblichen Abendessen aus Brot mit Käse erschöpft ins Bett - Wecker wird diesmal keiner gestellt.


