Classico di primavera Bellizonese oder Tanz mit dem Nordföhn

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Erlebnisbericht: Classico di primavera Bellizonese oder Tanz mit dem Nordföhn

Erlebnisbericht von Roli (weitere...)

Bedretto - Castione: 84,2 km / 3522 Hm

Bedretto (9,2 km) - Castione (19,7 km) - Lumino (21,7 km) - Prepianto (32,6 km) - Prepianto (35,8 km) - Prepianto (38,9 km) - San Vittore (47,8 km) - Roveredo (49,5 km) - Castaneda (56,9 km) - Posso Bröden (58,8 km) - Monti di Santa Maria (61,7 km) - Monti di Santa Maria (63,3 km) - Posso Bröden (66,2 km) - Castaneda (68,1 km) - Roveredo (75,5 km) - San Vittore (77,2 km) - Lumino (80,8 km) - Castione (82,9 km)

Beschreibung

Herrlich.Oder: Der Himmel im Tessin ist doch blau (Roli).
Fahrtzeit 5:46h
Beschreibung von Klaus:
Nach dem fehlgeschlagenen Versuch Roli von dem blauen Tessiner Velo-Wetter zu überzeugen, machen wir am Ostersonntag einen neuen Versuch. Heftiger Nordföhn wird uns versprochen. In seiner Funktion als Altenbetreuer schwächt sich Roli durch einen Monte Baldo trip mit 153km/2500Hm 2 Tage vorher und eine Fahrt von Varese nach Bellinzona incl. Track QD-Pflicht Campo Fiori mit 110km/1320Hm einen Tag vorher. Was er nicht weiß: heimlich habe auch ich 2 Tage vorher meine Beine mit einem 2,6Hkm Lago Ausblick geschwächt.
Trotzdem starten wir frohgemut in Gorduno bei Bellinzona zu einer der schönsten Tessiner Touren (mit Anleihen aus der Mesolcina/Graubünden), einem Frühjahrsklassiker. Der Nordföhn bläst heftig. Der steile und sportliche Anstieg nach Bedretto erwärmt Herz und Körper. Noch ist es nicht ganz so blau wie versprochen, aber der Nordföhn bläst immer wieder Wolken vom Alpenhauptkamm nach Süden. Langsam gehen mir die Wetter-Ausreden aus.
Roli lenkt mich von meinen müden Beinen ab mit seiner Begeisterung über die QD Ligurien Reisen. Mit seinem funkelnagelneuen QD-Trikot alpinist hat er noch mehr Auftrieb. Mir macht es weniger aus, dass die Schweizer Farben prominent am Trikot Ärmel sind und die österreichischen nur am Rücken. Roli meint, dass mehr hinter ihm fahren als vor ihm, welche dann durch die österreichische Fahne Trost finden. Einig sind wir uns darüber, dass nur die 4 richtigen Alpenländer auf dem Trikot vertreten sind. :-)
Gott sei Dank fällt Roli in den ABT („Alten-Betreuung-Trott“) zurück, so dass ich weiter meinen „Stiefi“ (hochdeutsch: Rhythmus) fahren kann. Nach dem 2. Satz der Berg-Velo-Dynamik „Steilheit frisst Höhenmeter“ kann uns bald oben in Bedretto der kalte Nordföhn empfangen. 2,7 Grad laut Rolis 800er motiviert zur zügigen Abfahrt trotz des mäßigen Straßenbelags. Unten empfängt uns der Nordföhn grinsend mit so starken Gegenwind, dass es uns in der schmalen Häuser-Durchfahrt von Gorduno fast „wandelt“ (hochdeutsch: von einer Wand zu anderen schleudert). Ein Trost: wäre es schief gegangen, dann hätte man uns wenigstens von der (heiligen?) Kirchenwand abgekratzt
Auf dem Flachstück von Gorduno nach San Vittore packt uns der wilde Nordföhn von der Seite. Roli gibt von der Seite als Windschatten nichts her, dazu ist er zu dünn. Doch dann dreht sich der Wind ins Val Mesolcina und bläst uns förmlich nach San Vittore. Jetzt wird sich zeigen, ob ich Roli von Prepianto, der drittschönsten Tessiner (na ja Mesolcina) Auffahrt überzeugen kann, wie schon Reto zuvor. Es sieht so aus. Jedenfalls fährt er sehr schwungvoll die 13 schönen Kehren nach Giova hinauf.
Ich versuche ihn abzubremsen, in dem ich von der Alpe di Gesero doppio schwärme, deren Arbedo Auffahrt wir von Bedretto sehen konnten und jetzt die von Roveredo. Sollten wir sie in diesem Frühjahr noch gemeinsam fahren können, dann hoffe ich auf Rolis Redakteur-Unterstützung bei der Höherbewertung in grün und rot. Obwohl ich damit schon einmal bei dem hoch dekorierten und respektierten Renko und dem notorischen Streng-Bewerter Axel gescheitert bin :-).
Prächtige Aussichten auf die 2500m hohen Berge mit weißen Hauben motivieren uns über Berg- und Schitouren zu reden und warum deutsche Freunde sich nicht wirklich in die Gemüter der wahren Bergler hineindenken können. Zum Beispiel bei der Behauptung, dass Pässefahrer „Velo-moralisch“ höher stehen als die underdogs der „dead end street fighter“ (Stichstraßen-Fetischisten, manche benützen sogar das diskriminierende „Sack-Gasse“). Ich kenne jedenfalls keinen (asphaltierten) Pass, der eine ähnliche einsame Bergromantik vermittelt wie die schönsten Stichstraßen (na ja, etwas schmalzig).
Roli genießt den noch schöneren oberen Teil, stärkt meine Moral mit der Frage „wie weit ist es noch?“ (allerdings ziemlich durchsichtig) und wundert sich über den nagelneuen, perfekten Straßenbelag. Ich erzähle ihm die Entdeckungsgeschichte dieser neuen Privatstraße (Hinweis von Stefan und mein Foto von der Alpe di Gesero doppio) in 2010. Heute ist für mich das 10. Mal. Der Ausblick über Bellinzona bis zum Monte Tamaro ist so prächtig wie immer. Der Nordföhn hat uns aus den Augen verloren, er ist heute mit der Gegenwind-Verfolgung der übrigen Velofahrer beschäftigt. Jedoch nach der schönen Abfahrt packt er uns wieder mit voller Kraft, innerhalb von den 2h der Prepianto Tour hat er sich um 180 Grad gedreht und empfängt uns mit höhnischem Grinsen. Im ersten Teil des (Nord-Süd verlaufenden) Val Calanca, insbesondere im Tunnel und auf der exponierten Brücke lässt der Nordföhn wieder seine Muskeln spielen. Wir weichen aber bald scharf rechts aus und fahren zu dem sehr schönen und prächtig gelegenen Santa Maria in Calanca hinauf.
Als ich eine Kurzjause vorschlage, reagiert Roli elegant und unter Nutzung seiner geballten Erfahrung als QD guide und Altenbetreuer „das wollte ich auch gerade“. Ich genieße den Augenblick, obwohl ich mir vorgenommen hatte, nicht darauf reinzufallen. Oberhalb von Santa Maria auf schönem Weg unterhalten wir uns über Hans Moser(!) und den Austro-Pop (auch über Reinhard Fendrichs Vor-Euro-Song „i hob kaane Lire und kaane Pabiere, so wos haut di nit fiere…“). Auf dem abschließenden Best-Schotter-Stück fragt Roli im Interesse seines inzwischen dünnhäutigen Hinterreifens, wie lange das noch geht. Meine spontane Antwort „mit dem QD alpinist Trikot ist das doch eine g’mahte Wies’n“ unterdrücke rücksichtsvoll.
Oben wieder mit alpinen Ausblicken konfrontiert, erzählt mir Roli, dass er bei klaren Föhntagen von zu Hause (nördlich Linz) ein Panorama hat vom Schneeberg bis zum Dachstein. Nur „etwas“ weiter weg als hier im Tessin/Mesolcina.
Der Rest ist schnell erzählt: zügige Abfahrt, in der Ebene leiht mir Roli seinen Windschatten und wir erreichen mit Rückenwind schnell wieder Gorduno. Eine prächtige Tour.

Kommentar Roli:
Da ich nach dem ersten Ausflug ins Tessin daran zweifelte, ob der Lago wirklich blau ist, forderte mich Klaus zu einer weiteren Tour auf. Als Termin wurde der Ostersonntag festgesetzt, der einerseits gutes Wetter versprach und mir genügend Zeit für die Anreise mit dem Rad lässt. Nachdem ich am Vortag schon in Ponte Tresa am Lago di Lugano ein Gewitter in einer Bar abgewartet habe und danach am (doch blauen) Lago Maggiore entlang nach Bellinzona gerollt bin, werde ich früh morgens von Klaus abgeholt.
Die ersten Kilometer Richtung Bedretto trete ich im Halbschlaf nach oben, vielleicht liegt es wirklich am Alpinist, dass es leicht geht. Irgendwann blinzelt die Sonne zwischen den sich auflösenden Wolken durch. Sie scheint also auch im Tessin. Dafür wird der Wind stärker und kälter. Im Gegensatz zum warmen Südföhn ist der Nordföhn kalt.
Prepianto überzeugt dann mit Sonne und der Wind ist hier nicht so oft zu spüren. Toller Blick bis zum Monte Tamaro. Das Tessin, bzw. hier Mesolcina, schafft es doch noch mich zu begeistern. Die "Wie-weit"-Frage war tatsächlich ernst gemeint, auch wenn Klaus das nicht so ganz glauben will, die Kälte am Monte Baldo, Campo dei Fiori und Bedretto sowie die Nässe gestern haben mir schon Kraft gekostet. Die Beine sind müde. Klaus glaubt das eben nicht, dass auch meine Beine müde werden. ;-)
Der Wind hinauf nach Santa Maria war wirklich von der unangenehmen Sorte, vor allem auf der Brücke. Die Jausenpause kommt also mehr als gelegen, schließlich will ich ja auch genießen (auch das glaubt Klaus nicht). Der dünnhäutige Hinterreifen hat nach dieser Tour seinen Dienst getan, in der Abfahrt habe ich wohl dann doch zu hart gebremst und ihn fast bis auf den letzten Rest vernichtet.
Ein tolle Tour, das Tessin hat mich überzeugt. Ich komme wieder, aber nur bei schönem Wetter, für Nebel gibt es hier zu viele tolle Aussichten.
Dass so eine Ausfahrt auch für mich mehr als eine entspannte Runde ist, braucht wohl nicht erwähnt zu werden.