Ein Trip nach Bratislava / Schnaufen am Jaufen
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Erlebnisbericht: Ein Trip nach Bratislava
Erlebnisbericht von tortenbäcker (weitere...)
Tag 2: St. Leonhard - St. Kassian: Schnaufen am Jaufen
129,5 km / 4000 Hm
St. Leonhard (0,0 km) - Jaufenpass (19,2 km) - Sterzing (36,9 km) - Mauls (45,3 km) - Mittewald (52,4 km) - Franzensfeste (56,5 km) - Brixen (67,1 km) - Meluno (72,5 km) - Sant' Andrea in Monte (74,1 km) - San Giacomo di Eores (78,8 km) - Afers (81,1 km) - Palmschoß (84,0 km) - Kofeljoch (92,8 km) - Würzjoch (97,8 km) - Untermoi (102,7 km) - St. Martin in Thurn (111,9 km) - Pederoa (116,8 km) - Pedraces (123,2 km) - La Stern (126,2 km) - St. Kassian (129,5 km)
Beschreibung
Der zweite Tag bringt in Sachen Wetter nichts Neues: Sonnenschein pur, absolut genial. Nach reichlichem Morgenessen befestige ich meine Sachen am Rad und möchte gleich loslegen, da passiert es: Es zischt für zwei Sekunden und schon ist der Hinterreifen platt! Und dabei stand das Rad einfach nur so da. So ein Mist. Ich habe zwar schon zwei Ersatzschläuche dabei, mehr dann aber nicht. Beim kaputten Schlauch klafft ein riesiges Loch neben dem Ventil, doch weder am Pneu noch am Laufrad ist irgend etwas Abnormales auszumachen. Also neuen Schlauch rein und mühsam mit einer Minipumpe aufpumpen. Schweisstreibende Arbeit, echt anstrengend, und auf vernünftige Druckwerte bringe ich es dennoch nicht. Viel mehr als bescheidene fünf Bar dürften das nicht sein. Schliesslich mache ich mich auf dem Weg zum Schnaufen am Jaufen, wie die Pensionsbesitzerin es ausdrückt.In der Passbeschreibung steht, dass der Jaufen einer der schönsten Pässe sei, ich freue mich darauf. Und tatsächlich, angenehme Steigung und liebliche Landschaft machen die Fahrt zum Genuss pur. Oben an der Passhöhe genehmige ich mir ein Stück Linzertorte an der Sonne. Die Abfahrt bringt mich nach Sterzing, ab hier heisst es rollen lassen bis Brixen. Starker Gegenwind vereitelt diesen Plan aber vorerst. Schon bald werde ich aber glücklicherweise von zwei Tschechen überholt, die scheinbar von Prag her kommen. Ich schliesse mich ihnen an und wir drücken gemeinsam aufs Gas Richtung Süden. Es ist schon eindrücklich, um wieviel man schneller im Gruppetto ist.
In Brixen verabschiede ich mich von den Tschechen und mache halt bei einer Tankstelle. Ein erfrischendes Eis hat noch selten geschadet. In der gleissenden Mittagssonne gehe ich danach das Würzjoch an. Zum Glück habe ich Sonnencreme mit Faktor dreissig dabei, zweimal am Tag streiche ich diese ein. So kann im wahrsten Sinne des Wortes nichts anbrennen. Dem Würzjoch vorgelagert sind noch zwei Vorjochs, das erste heisst Palmschloss. Ich lege da eine Pause ein und werfe einen Bananensplit ein. Gleich neben meinem Tisch spielt ein Hund mit einer verängstigten Echse, letztere kann sich schliesslich zum Ärger des Vierbeiners unter einen Trog verkriechen. Ich lasse meine Füsse auslüften, weshalb der Hund nicht unverzüglich in Ohnmacht fällt, kann ich mir nicht erklären.
Welliges Gelände folgt bis zum Würzjoch, wobei gegen Süden ansehnliche Felszacken aufragen, im Norden dagegen Wald und Almwiesen das Bild prägen. Das Verkehrsaufkommen ist minimal, es macht richtig Laune. Die Abfahrt danach bringt einen bis St. Martin in Thurn auf 1100m. Da biege ich ab Richtung Süden. Plötzlich spüre ich einen ganz leichten Schmerz an der Innenseite rechts unterhalb des Knies. Was soll das jetzt? Kann ich wirklich nicht gebrauchen. Ist aber ja sowieso bald Etappenziel, morgen ist das hoffentlich wieder weg. Ich handle mir auf den verbleibenden zwanzig Kilometern eine leichte Krise ein, und so halte ich mal noch bei einer Imbissbude und kaufe ein abgepacktes Croissant. Nicht gerade Pierre Hermé tauglich, leider. Da steht auf der Packung, dass ich 10.6% meines Tageskalorienbedarfs damit nun gedeckt hätte. Ich kann mir das Schmunzeln nicht verkneifen, in einer halben Stunde ist das Ding Asche, würde ich meinen. Sorgen bereitet mir mein Fitnessstand: Wenn ich jetzt schon schwach bin, wie soll ich in zwei Tagen den übersteilen Grossen Oscheniksee hochwuppen können?
Schliesslich erreiche ich St. Kassian, und diesmal ist mir das Glück hold: Gleich die erste Pension hat noch Zimmer frei. Umgezogen und hungrig mache ich mich schon bald auf, ein geeignetes Lokal für das Abendessen zu suchen. Zu meinem grossen Erstaunen befindet sich gleich 100m neben meiner Pension ein absoluter Edel-Laden, das St. Hubertus. Zwei Michelin Sterne und 18 Gault Millau Punkte können sich wirklich sehen lassen. Man wird zwar sicher um einiges ärmer, wenn man hier dinieren möchte, aber bei meinen ersten Ferien seit sechs Monaten sind die Kosten Nebensache. Zuerst brauchen meine Muskeln aber noch eine Ladung Pasta. Gleich nebenan kehre ich ein und mache als Vorspeise einen Teller Spaghetti platt. Danach habe ich einen Moment lang Hemmungen, in meiner Aufmache das St. Hubertus aufzusuchen. Man stelle sich vor: Ungekämmt (Kamm nicht dabei), unrasiert, in kurzen Hosen und Langärmel-Shirt, dazu mit diesen dämlichen Swissair Socken. Echt der Brüller, mancher schaut mich auf der Strasse komisch an, Doppel-Sockenstrategie sei dank. Schliesslich öffne ich die Tür zum St. Hubertus und warte im Vorraum. Dies soll dazu dienen, dass mich der Bedienstete erst zu Gesicht bekommt, wenn er praktisch schon vor mir steht. Eventuell sieht er dann meine Fussbekleidung nicht. Normalerweise würde ich im Anzug und schwarzen Lederschuhen antreten und jetzt das hier. Dem überaus freundlichen jungen Kellner erkläre ich meine Situation und frage nach einem Tisch. Leider ist aber das St. Hubertus stets ausgebucht, ohne Reservierung ist hier nichts auszurichten (*). Sonst hätte er mich glaube ich akzeptiert. Leicht enttäuscht begebe ich mich wieder zurück in das Restaurant, bei dem ich eben schon war. Der verdutzten Bedienung erkläre ich, dass sie jetzt die Karte bitte nochmals bringen können, ich würde gleich nochmals von vorne anfangen. So bringe ich das Kunststück erstmals fertig, an einem Abend zweimal im gleichen Restaurant essen zu gehen.
(*) Bei meinem nächsten Dolomitenbesuch ist dieses Restaurant gesetzt!









