Geführte Dreiländertour 2007 / Tour d'honneur

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Erlebnisbericht: Geführte Dreiländertour 2007

Erlebnisbericht von Jan (weitere...) , Etappenbericht von Reinhard

Tag 4: Livigno - Scuol: Tour d'honneur
115,9 km / 1880 Hm

Livigno (0,0 km) - Forcola di Livigno (14,2 km) - Berninapass (21,9 km) - Pontresina (36,4 km) - Samedan (41,7 km) - Bever (44,5 km) - La Punt (48,7 km) - Albulapass (57,7 km) - La Punt (66,8 km) - Zernez (87,0 km) - Susch (93,1 km) - Lavin (96,7 km) - Ardez (104,4 km) - Ftan (110,3 km) - Scuol (115,9 km)

Beschreibung

Blick am Morgen aus dem Hotel ...Nachdem sich bereits am Vorabend nach unserer auslaugenden Regentour die Sonne blicken ließ, erfreute sie auch am Morgen des letzten Tages wieder unsere Gemüter. Ein letztes Mal konnten wir unsere Bekleidung sauber und trocken vom Waschservice in Empfang nehmen und unsere tatsächlich wieder getrockneten Radschuhe aus dem Heizungskeller des Hotels holen.

Das Paré verabschiedete sichvon uns mit einem leckeren Frühstück und nachdem wir an unseren Rädern nach dem materialbeanspruchenden Vortag noch die letzte Ölung und ein paar Feineinstellungen vornahmen, rollten wir die paar Meter nach Livigno hinab und auf den ersten flachen Kilometern dem ersten kleinen Pass des Tages, dem Forcola di Livigno, entgegen. Nein, klein ist er mit seinen 2315 m gar nicht, aber die hohe Lage von Livigno machte ihn mit den zu bezwingenden 500 Hm für uns alle nach den drei beanspruchenden Tagen zu einem erträglichen Einstieg in die Abschlusstour.

Wenn es nach dem italienischen Grenzbeamten gegangen wäre, hätten wir uns gleich in die Abfahrt stürzen müssen. Wir ließen uns jedoch nicht aus dem italienisch-schweizerischen Niemandsland vertreiben und warteten, bis alle für das obligatorische Passfoto zusammen waren. Das sonnige Wetter blieb uns treu, ohne dass wir dabei mit aufdringlich heißen Temperaturen zu kämpfen gehabt hätten. Auf der kurzen Abfahrt zur schweizerischen Grenzstelle, an der man links weiter hinab nach Tirano abzweigen kann oder so wie wir nach rechts, wieder hinauf, zum Berninapass, waren unsere Windwesten mal wieder Gold wert - ich gönnte mir ganz und gar die kuschlig warme Winterweste, von der ich mich jedoch noch vor dem ersten Meter des Gegenanstiegs wieder befreite.

Noch vor 11 Uhr erreichten wir so auf 2330 m bereits den zweiten Pass des Tages - eine traumhafte Quote für den leidenschaftlichen Pässesammler. Auch hier hielten wir uns nur kurz auf, um ein paar Fotos zu machen und uns was Warmes überzuziehen. Mit Jans Warnung vor einem gefährlichen Bahnübergang kurz hinter einer unübersichtlichen Kurve im Hinterkopf, begaben wir uns dann in die rasante Abfahrt durchs Oberengadin Richtung Samedan. Ich habe mich einfach an Daniels Hinterrad gehalten, um seine Ortskenntnis gewinnbringend für meine Höchstgeschwindigkeiten einzusetzen. Der Plan ging dank eines ordentlichen Schiebewindes und langer, gerader Passagen auf, was mir einen neuen Geschwindigkeitsrekord von 91 km/h einbrachte - nicht ganz leicht zu erreichen bei meinem Gewicht. Dem gefährlichen Bahnübergang näherten wir uns dann wieder verhaltener und warfen zunächst einen Blick auf den Morteratschgletscher, der seit der letzten Dreiländertour wohl wieder ein Stückchen kleiner geworden zu sein schien. Die Berninabahn kreuzte zur gleichen Zeit unseren Weg und nahm die beeindruckend steilen Gleise scheinbar mühelos unter ihre Räder. Relativ unspektakulär verlief der Rest der Abfahrt bis Samedan, aufgelockert durch die schöne Ortsdurchfahrt von Pontresina. Bevor unser Puls auf der leicht abfallenden Strecke über Bever nach La Punt jedoch ins Bodenlose zu fallen drohte, beflügelten die schnurgeraden fast zwei Kilometer vor La Punt einige von uns plötzlich zu nicht mehr enden wollenden Sprintattacken - vor allem durch Sandro initiiert. Ich schien den richtigen Zeitpunkt abgepasst zu haben, als ich in Sichtweite des Ortsschildesaus Sandros und Jans Windschatten trat und meinen kleinen Vorsprung tatsächlich bis über die imaginäre Ziellinie am Ortseingang retten konnte. Zu welchem Preis ich hier gewann, sollte sich erst eine Stunde später herausstellen.

In La Punt angekommen, hatten wir die ersten 50 km und gut 800 Hm des Tages bewältigt und wer nach den vier Tagen noch nicht genug vom Pässefahren hatte, durfte sich als letzten großen Anstieg die Ostanfahrt des Albulapasses gönnen. Während uns Bernd und Torsten schon mal ein Plätzchen im Außenbereich einer Gaststätte suchten, quälte sich der Rest mehr oder weniger die verkehrsarme Straße zum Pass hinauf. Nach anfänglichem gegenseitigen Beschnuppern der noch verbliebenen Leistungsreserven löste Jan dann endlich die Bremsen, die er als Tourguide vom ersten Tag an tapfer und fest im Griff hatte, und zog uns davon. Zwar blieb ich ihm bis zum Schluss in Sichtweite auf den Fersen - durch ein Kettenproblem seinerseits noch begünstigt - doch fehlten mir am Ende Willen, Kondition und ein µ an Boshaftigkeit, um Jan diesen prestigeträchtigen Sieg noch zu nehmen. Daswar also der Preis, den ich für den vorausgegangenen Ortsschildsprint zu zahlen hatte. Zurück in La Punt stärkten wir uns noch mit Nudeln und schwach-alkoholischen Getränken, bevor wir die vermeintlich problemlosen letzten 55 km angingen.

Gemütlich fuhren wir abseits der Hauptstraße auf gut ausgebauten Radwegen durchs östliche Oberengadin, dem uns vom ersten Tag schon bekannten Ort Zernez entgegen. Irgendwann kristallisierte sich dann mal wieder heraus, was allen schon längst bekannt war: Das Folgen von Radwegausschilderungen erfordert außergewöhnliche Fähigkeiten, die dem straßen-verwöhnten Rennradfahrer nicht in die Wiege gelegt sind. Oder scheiterte die nervenschonende Fahrt vielleicht doch nur an der Definition des Wortes "Radweg"? Fakt ist, dass der unerschrockene Daniel mutig auch schlechtere Radwegabschnitte in Kauf nahm - stets in der Hoffnung, dass sie nur von kurzer Dauer sind - und dass ihm einige Lemminge bei der sich daraus entwickelnden Schlacht unserer 23mm-Reifen gegen groben Schotter blind folgten. Jan, der mit Ulrich und Sandro weiter hinten fuhr, rettete zumindest dieses kleine Grüppchen frühzeitig auf die Hauptstraße nach Zernez. Wir anderen vier fuhren immer weiter auf wunderschönen Mountainbike-Wegen am rechten Hang des Tals auf und ab und hatten dabei mehr oder weniger Freude an den unter unseren Pneus wegspringenden Steinen. Die Krönung der 11 km langen off-road-Erfahrung, auf denen uns einige Mountainbiker mit großen Augen und weitaufgerissenen Mündern begegneten, war die Durchquerung eines breiten, steinigen Gebirgssturzbaches, der glücklicherweise gerade wenig Wasser führte. Schließlich in Zernez angekommen, erwarteten uns bereits ein sichtlich erleichterter Guide und seine zwei Begleiter, die sich herrlich über unsere verstaubten Räder und die abenteuerliche Story amüsierten.

Die letzten 30 km hatten dann aber wirklich den Charakter eines schönen Tour-Ausklangs, dessen letzter Hoch- und Höhepunkt ein Abstecher über das idyllische Sträßchen von Ardez nach Ftan mit abschließender rasanter Abfahrtdirekt zum Ausgangshotel Bellaval war. Sieben fröhliche Gesichter blickten beim abschließenden Gruppenfoto in die Kamera, als es für uns nach vier erlebnisreichen und - von kurzen Schlechtwetterepisoden abgesehen - sehr heiteren Tagen leider hieß, vom Dreiländereck und voneinander Abschied zu nehmen.