Geführte Dreiländertour Juli 2008 / Regen und Entdeckungstrieb

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Erlebnisbericht: Geführte Dreiländertour Juli 2008

Erlebnisbericht von Jan (weitere...)

Tag 3: Sta. Maria - Passo d'Eira: Regen und Entdeckungstrieb
112,1 km / 3441 Hm

Sta. Maria (0,0 km) - Valchava (1,5 km) - Tschierv (8,4 km) - Ofenpass (13,5 km) - Il Fuorn (21,0 km) - Punt la Drossa (23,1 km) - Punt dal Gall (27,2 km) - Livigno (38,7 km) - Passo d'Eira (45,1 km) - Trepalle (47,6 km) - Passo di Foscagno (52,0 km) - Semogo (65,0 km) - Isolaccia (67,0 km) - Pradelle (68,5 km) - Passo Torri di Fraele (76,1 km) - Passo Torri di Fraele (76,4 km) - Pradelle (83,8 km) - Isolaccia (85,2 km) - Semogo (87,2 km) - Passo di Foscagno (100,2 km) - Trepalle (104,6 km) - Passo d'Eira (107,1 km)

Beschreibung

Nicht schon wieder - draußen regnets so wie gestern früh. Die Motivation ist am Ende.Der neue Tag begann... schlimmer als der letzte aufgehört hatte. Es regnete, und es sah nicht so aus, als würde es wärmer als gestern. Eine Befahrung des Umbrailpasses würde also wirklich unmöglich sein. Das hatten wir gestern schon erwartet, und daher das Frühstück auf 9 Uhr gelegt.
Roli war ebenso glücklich wie ich über die Wetteraussichten, und etwas unmotiviert schubsten wir unsere explosionsartig im Zimmer verteilten Habseligkeiten in die Taschen: Handyladekabel, Laptop, Laptopladekabel, Kameraladekabel, Edge-Ladekabel, Helmkamera-Ladekabel - was man halt so braucht in einem unverfälscht ursprünglichen Alpenurlaub. In meinen Tagesrucksack kam ein zweites Trikot, Beinlinge, Winterjacke, Winterhandschuhe, Windstoppermütze, Helmkamera und ein paar Riegel - was man halt so braucht an einem trockenen, heißen Sommertag.

Die Radsachen zogen wir gleich an, denn die Taschen mussten um 9 Uhr abholungsbereit im Keller liegen. Regenjacke, Kamera und Handy legten wir für die Auffahrt beiseite und gingen runter. Das Frühstück entsprach dem grauen Wetter draußen. Das hielt uns aber nicht davon ab, bis halb elf dabei zu sitzen und vergeblich auf besseres Wetter zu hoffen. Die Abfahrt setzten wir auf elf Uhr fest - die nächsten Gäste würden schließlich auch nicht später ankommen als wir gestern und so gaben wir die Zimmer frei.

Nass würden wir ohnehin werden, unabhängig von der Abfahrtszeit. Und immerhin gab es die Hoffnung, dass wir abends in Livigno noch ein paar trockene Kilometer würden drehen können, ähnlich wie gestern abend. Denn für den Abend war von Westen her Wetterbesserung versprochen. Das hatte helmverweigerer Mail an Absender mir zumindest gestern im Anstieg zum Ofenpass berichtet - eine unschätzbar wertvolle Information, wie sich im Verlaufe des Tages noch zeigen sollte.

Die ganze Truppe traf sich also kurz vor elf samt Fahrrad vor dem Hotel. Auch Barbara und Thorsten fuhren mit ihrem Tandem gemeinsam mit uns los. Der Himmel war etwas heller geworden, was aber den Regen nicht beeinflusste. So fuhren wir bei ca 11 Grad aus Sta Maria ab. Der Plan war, auf schnellstem Wege über Ofenpass und vom Punt-la-Drossa durch den Munt-la-Schera-Tunnel nach Livigno zu kommen. 800 Höhenmeter bis zum Ofenpass bedeuten 8 Grad Temperaturabfall - schöne Aussichten bei diesem Regen.

Auf dem Rad war es dann aber erträglich, immerhin geht es gleich ziemlich steil bergauf. Bei dem Wetter war es mir mehr als Recht, mich hinten im Feld einzureihen und überließ Uli, Roli und Daniel den Kampf gegen das Tandem. Ich leistete abwechselnd Wende, Daniel, Torsten und Jens Gesellschaft. Naja, Gesellschaft... die beschränkte sich auf bloße Präsenz. Reden war fast so schwierig wie fotografieren - Dreckswetter!

Der Ofenpass wird ja nach den anfänglichen langen Geraden noch recht abwechslungsreich, mit den paar Kehren, den letzten geschwungenen Kurven und der Zielrampe zur Passhöhe. Gestern abend, bei besserem Wetter (Trockenheit!) und entsprechender Aussicht fand ich ihn sogar richtig nett. Nicht so heute - immerhin war es warm, besonders, als ich beschloss, noch einmal Stefan einzuholen, was mir nur nach äußerster Anstrengung gelang. Gemeinsam fuhren wir bis zur Passhöhe.

Dort setzten wir uns alle in das Restaurant am Ofenpass und legten uns so gut es ging trocken. Also Trikot wechseln, Winterjacke und Beinlinge anziehen und Regenjacke zum Trocknen aufhängen. Hier oben kann man es aushalten. Es ist schön warm und das Essen ist gut. Langsam stieg die Stimmung. Bis es allerdings nach mehr als einer Stunde wieder ans Weiterfahren ging - das Wetter hatte einfach keine Gnade; die Abfahrt war kalt und nass, und alle waren ziemlich am schlottern. Glücklicherweise waren es nur gut 400 Höhenmeter bis zum Punt-la-Drossa, von wo uns der neueingerichtete Shuttlebus durch den Munt-la-Schera-Tunnel nach Livigno bringen sollte.
Morgens hatte ich schon von Sta Maria aus mit der Betreibergesellschaft des Tunnels telefoniert (siehe Punt-la-Drossa) und abgesprochen, dass der Shuttlebus bei unserer Ankunft bereitstehen sollte. Alle, die nicht reinpassen würden (insbesondere das Tandem) dürften hinter dem Shuttlebus herfahren. Kurz vor der Abfahrt vom Ofenpass hatte ich wie abgesprochen noch einmal angerufen, so dass der Shuttle bereit stand, als wir am Punt-la-Drossa ankamen. Immerhin mussten wir in dieser Dreckskälte nicht auf den Drecks-Shuttlebus warten.

Die Räder werden auf dem Anhänger quer in Fahrradständer gestellt und sogar ganz gut mit Gurten gesichert - meine anfängliche Befürchtung in anderer Richtung waren unbegründet. Das Tandem passte längs zwischen die Sitze in den Shuttlebus, und so passte die komplette Truppe zur Enttäuschung zumindest von Roli und Thorsten in den Bus - niemand durfte hinterherfahren. Immerhin war es im Shuttlebus schön warm.

Hinter dem Tunnel - REGNETE ES NICHT MEHR! Kalt wars trotzdem, und so gaben wir durch die Galerien am See entlang ordentlich Kniegas und kamen um halb drei am Hotel Paré an. Wir gaben uns eine Stunde, um uns trockenzulegen und die Körpertemperatur auf Normalniveau anzuheben. Dann sollte es wieder losgehen - Passo d'Eira und Passo di Foscagno wollten wir noch erklimmen. Wir, das waren fast alle, nämlich Daniel, Daniel, Daniel, Torsten, Thorsten, Barbara, Stefan, Jens, Roli und ich.
Wie schön das Radfahren auf trockener Straße ist, hatten wir fast vergessen - und teilweise zeichneten sich sogar diffuse Schatten auf die Straße - ein unbeschreibliches Gefühl nach zweieinhalb Tagen Dauerregen. Am Passo d'Eira warteten wir noch einmal aufeinander. Roli, Thorsten, Barbara und ich machten uns dann auf und davon, denn wir fuhren die 280 Hm zum Foscagno hoch, und auf der anderen Seite hinunter ins Valdidentro.

Die Abfahrt ist weder steil noch kurvig, und so lieferten wir uns ein ansehnliches Rennen mit dem Tandem. Bei dessen Länge ist es kaum möglich, daran vorbeizukommen, denn Thorsten schnitt die Kurven früh an, und ich hatte wenig Lust, abgeräumt zu werden. War aber sehr lustig, und schließlich ließen die beiden uns ziehen.

Von Isolaccia aus kann man weit oben am Hang die zwei Türme Torri di Fraele am engen Taleingang des Valle di Fraele sehen. Wir wollten sehen, ob unten die Zeit für diese Erstbefahrung noch reichen würde, denn auch ohne diese Auffahrt trennten uns hier unten bei gleichem Rückweg noch 1100 Hm von Livigno.

Es war jetzt schon recht spät, und Thorsten und Barbara wendeten ihr Tandem hier. Roli und ich wollten es wissen und sagten uns, dass wir im Notfall ja per Autostop nach Livigno zurückkommen könnten. Am Kreisel in Isolaccia nahmen wir die Richtung, die mir am vielversprechendsten erschien (die Ausfahrt vor der Foscagno-Passstraße nach Livigno), und tatsächlich führte die Straße steil am nordwestlichen Hang ansteigend nach Pradelle, wo die Via Fraele uns den richtigen Weg nach links wies. Diese Verbindung war aus der Karte nicht zu ersehen. Wir dachten, wir müssten auf dem Hangweg fast bis nach Turripiano weiterfahren. An diesem Abzweig sahen wir auch erstmals die zwei Türme, zu denen es gehen sollte - ein für mich magischer Augenblick.
Noch im Ort zwang uns eine Umleitung weiter in nordöstliche Richtung den Hang entlang, von dem sich schon hier unten schöne Aussichten ins Valdidentro bis nach Bormio 2000 eröffneten.
Die Umleitung führte zur Straße, die von Turripiano hinaufführt und auch komplett asphaltiert ist. Hier hielten wir uns natürlich links und bergauf, und folgten den 17 Kehren hinauf zu den Torri di Fraele. Ein traumhafter Anstieg, den Roli detaillierter beschrieben hat. Oben an den zwei Türmen geht es dann nur noch ca 200 m auf Asphalt weiter, bevor eine zumindest anfangs noch sehr gute Naturstraße weiter zu den Stauseen Lago di Cancano und Lago di San Giácomo führt. Von den zwei Türmen hat man auch eine atemberaubende Sicht auf die übereinander gestapelten Kehren der Straße - einfach toll!
Hier oben war es aber jetzt schon ziemlich frisch, und so stellte ich meine Helmkamera an und los ging es in eine genussvolle Abfahrt. Wir riskierten den Abzweig, der uns in die Baustelle führen würde; es zeigte sich, dass die Baustelle schon geräumt war und wir einfach durchfahren konnten. So hatten wir immerhin einen kleinen Teil der Rückfahrt anders gestaltet als die Hinfahrt, und konnten uns vergewissern, dass die Anfahrt von Turripiano auch asphaltiert ist.
Wir fuhren also ziemlich euphorisiert auf dem gleichen Wege zurück nach Isolaccia, wo wir am Kreisel in einer kleinen Bar (gegenüber der Spaghetteria, in der wir [letztes Jahr|touren|gefuehrte-dreilaendertour-2007|umbrailpass-im-dauerregen] vor dem Regen zu fliehen versuchten) jeder eine Cola tranken. Roli unterhielt die Wirtin mit unseren Heldengeschichten beeindruckend auf italienisch, und die pries uns gleich für die biertrinkend anwesende Dorfjugend als leuchtende Vorbilder an. Ich drückte mir noch schnell zwei Gels rein. Das mag ich eigentlich gar nicht, aber so spät am Abend nach der halben Regen- und Kälteetappe des Vormittags war mir in Erwartung der letzten 27 km und 1100 Hm doch etwas mulmig. Vor allem war es jetzt kurz nach halb sieben, und eigentlich wollten wir um acht in Livigno beim Abendessen sein.

Wir hatten uns im Vorfeld geeinigt, den letzten Aufstieg gemäßigt anzugehen, aber die Aussicht auf das Abendessen ließ uns doch einen sportlichen Gang bei ca 1000 Hm/h einlegen. Ich reihte mich schnell hinter Roli ein und war froh, ein Hinterrad zur Orientierung zu haben. Es war weiterhin trocken, und ich konnte mein Glück kaum fassen, an diesem Tag noch einen neuen Anstieg bei Trockenheit gefahren zu haben. Trotzdem war die Anstrengung grenzwertig, und ich wechselte oft die Position, um möglichst ohne Krampf über den Berg zu kommen. Das klappte zum Glück, und wir hielten am Passo di Foscagno nur kurz an, weil Roli sich seine Jacke noch überziehen wollte. Ich hatte meine Winterweste seit den Torri di Fraele an und nutzte die Gelegenheit, die Helmkamera wieder einzuschalten.

Die kurze Abfahrt vor dem Passo d'Eira verging schnell, aber die letzten 200 Hm hinauf waren noch einmal qualvoll. Dann endlich ging es hinab und zum Hotel, wo wir um 19:52 eintrafen. Um 20:01 h saßen wir umgezogen und geduscht bei den Anderen im Restaurant. Die saßen schon seit einer halben Stunde am Vorspeisenbuffet, und Roli und ich mussten erst einmal aufholen, was uns dank unseres Kohlenhydratbedarfs recht schnell gelang. Wir genossen das gute Essen und den Ausblick auf das dunkler werdende Hochtal von Livigno, und die Erinnerung an einen abwechslungsreichen Tag. Wir tranken gemeinsam auf die Bewältigung der Regentage und auf das morgige Wetter, das mit blauem Himmel angesagt war. Der Tag hatte nach miesem Start noch eine glückliche Wendung genommen.

Hinterher saßen wir nur noch kurz in der Bar, und nach Thorstens Pianoeinlage fielen Roli und ich schnell und ermattet ins Bett.