Hoch hinaus in Tirol - für Faule / Höhepunkt meiner Rennradkarriere
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Erlebnisbericht: Hoch hinaus in Tirol - für Faule
Erlebnisbericht von xandi37einhalb (weitere...)
Tag 2: Sölden - Rettenbachferner: Höhepunkt meiner Rennradkarriere
20,4 km / 1638 Hm
Beschreibung
Der Tag ist gekommen, die Ötztaler Gletscherstraße mit dem Tiefenbachferner wartet auf mich. Es ist der 16.08.09. Ich war schon beim Einschlafen am Vorabend nervös, hatte großen Respekt, vielleicht sogar mehr als das. Die Geschichten, Beschreibungen und Profile des Berges haben dazu beigetragen. Konstante 12 bis 14%, und das bei meiner Form, das muss schief gehen, geht gar kein Weg daran vorbei. Bei der Autofahrt ins Ötztal hinein bekam ich leicht wacklige Knie. In Sölden angekommen suche ich erst nach der Abzweigung zum Gletscher, damit ich weiß, wo ich hin muss. Erst dann stelle ich mein Auto am großen Parkplatz ab und bereite mich vor. Die Handgriffe führe ich sehr langsam und bedächtig aus, vielleicht kommt ja der Mut, es zu wagen. Nein, vergeblich, der Mut kommt nicht, aber ich gehe es trotzdem an. Noch im Ort bei der ersten Steigung denke ich mir: „Hoffentlich schaffe ich das.“ Bei der Abzweigung zum Gletscher denke ich mir einfach: „Regelmäßige Pausen, mein eigenes Tempo hochfahren,…. es wird schon gehen.“ Die Kurbeltritte sind zwar relativ mühsam, aber es geht schon, ich komme gut voran. Die ersten Kehren sind bald überwunden und bei der Abzweigung nach Hochsölden nehme ich mal mein verspätetes „Powerbar-Frühstück“ zu mir. Die Akkus müssen ja nach dem anstrengenden Tag gestern gut aufgefüllt werden. Bald geht’s weiter. Die Beine spielen aber sehr sehr gut mit und ich gewinne sehr rasch (für meine Verhältnisse) an Höhe. Nicht lange, und die Mautstelle baut sich vor meinen Augen auf. Ich denke mir: „Bei der Abfahrt schon wieder eine Gegensteigung.“ Nun ja, soweit kommt es dann gar nicht, aber dazu später. Ich raste wieder ein wenig. Heute helfen mir die aufgestellten Tafeln der Swisstrophy bei der Orientierung, welche man im Abstand von jeweils einem Kilometer am Straßenrand erkennen kann. Die Entfernung zur Talstation Rettenbachferner wird angezeigt. Mein Tacho steht ja nun so gar nicht unter Strom. Als ich losfahre, bemerke ich, es geht viel schwerer als vorher. Ok, zu lange geruht, die Beine sind eingerostet. Ich quäle mich höher und höher, doch ich komme und komme nicht weiter. Nun ja, irgendwann mache ich einen Griff der Verzweiflung, und siehe da: „Hallo mein geliebtes 25er Ritzel!“ Ich war einfach noch auf dem 23er unterwegs, ohne dass ich es bemerkt hätte. Einigermaßen erleichtert, jedoch auch überrascht, dass es so gut vorangeht, geht’s weiter. Bei Kehre 6 gibt’s dann wieder mal ein kleines Päuselchen, auf 2400 m hat man sich das auch wieder mal verdient. Ich bin hoch zufrieden mit mir selbst, erfreue mich meiner überraschend guten Beine und bin Zuversichtlich für den Rest des Tages. Vielleicht geht ja doch noch das Kühtai, mal sehen. Weiter geht’s. Die Luft wird dünner, die Sonne brennt unerbittlich auf mich nieder. Doch es macht riesigen Spaß. Ich weiß, heute ist mein Tag. Die letzten paar hundert Meter vor der „Talstation“ Rettenbachferner sind etwas flacher, der Tritt wird etwas flüssiger. Dann zweige ich links ab, Richtung Tiefenbachferner. Die 2 Kilometer stehen noch zwischen mir und grenzenlosem Jubel. Erst geht’s ein wenig hinunter, dann wieder rauf, an einem Felsen vorbei. Vor dem Tunnel, der übrigens „Rosi-Mittermaier-Tunnel“ heißt, ziehe ich mir die Windweste an, es scheint mir, etwas kühler dort drin zu sein. Im Tunnel, der der höchst gelegene Straßentunnel Europas ist, schwirren mir viele Gedanken durch den Kopf. Zum einen habe ich immer das Licht am Ende des Tunnels vor mir, zum anderen fühle ich mich irgendwie ganz Eins mit dem Berg, der Berg umschließt mich, ich bin zu diesem Zeitpunkt ein Teil des Berges. Ein ganz besonderes Erlebnis. Die Steigung ist nicht mehr so schlimm, vor allem Vertreiben die beschriebenen Gedanken alle Erschöpfung aus dem Kopf. Langsam wird es wieder heller, das Tunnelportal ist erreicht. Ich bin ganz allein auf dem höchsten Punkt der Alpen, der auf einer durchgehend asphaltierten Straße erreichbar ist. Ich bin auf 2.830 Metern Seehöhe, ich und mein Rad. Ich steige ab vom Rad, springe ein wenig durch die Gegend, lasse Freudenschreie los und bin überglücklich, das hier erreicht zu haben. Ich genieße die Stille und meinen persönlichen Triumph, den über mich selbst.
Nach einigen Minuten kommt ein Motorradfahrer des Weges, ich bitte ihn, mich zu fotografieren, da ich ja ganz allein bin. Ich will ja unbedingt mit meinem Fahrrad und dem Passschild auf ein Foto, gemeinsam, wenns geht. Nun ja, der gute Mann hat Stress, drückt ab, verdeckt mich mit seinem Finger, wie ich nachher sehe. Aber, ich habe ja auch noch einen Selbstauslöser. Damit funktionierts. Das musste ich nämlich für die Nachwelt festhalten.
Dann geht’s durch den Tunnel wieder runter, ich nehme aber nicht gleich die Abfahrt ins Tal auf mich, sondern will noch den oberen Parkplatz am Rettenbachferner erreichen, der auch auf 2.803 Metern liegt. Nach dem Tunnel biege ich gleich links ab, ich will mir die zusätzlichen Höhenmeter ersparen. Vorbei an der Talstation mit dem Gletscherstadion (bekannt aus dem Ski-Weltcup) biege ich ganz am Ende rechts ab. Hier geht’s wieder ordentlich zur Sache. Die 12% sind wir ja schon gewohnt. Aber jetzt tun sie fast schon ein wenig weh. Ich kurble die 3 Kehren hoch, bis ich den oberen Parkplatz erreicht habe. Der ist aber völlig unspektakulär, wirklich nur ein Parkplatz. Nur eine kleine desolate Tafel erinnert daran, dass man sich über 2.800 m befindet. ich ziehe mir etwas über, und beginne, meine wohlverdiente Jause zu mir zu nehmen, bestehend aus Fruchtriegeln und Isostar. Dann packe ich mich noch dicker ein und gehe die Abfahrt an. Muffensausen auch hier, denn ich mags nicht allzu schnell, vor allem bei den vielen Steinchen auf der Straße. Aber als ich bei der Talstation der Gletscherbahn vorbeifahre, höre ich ein Geräusch. „Zing.“ Und gleich noch ein zweites „Zing“, das sich mit dem ersten sogar noch zu einem Ton vereinigt. Ich bleibe sofort stehen. Alles wird durchsucht. Schaltseile, Bremsseile,…. Naja, es handelt sich dann doch um zwei Speichen meines hinteren Laufrades. Weil die beiden Speichen direkt nebeneinander sind bzw. waren, ist sofort ein ordentlicher 8er in meinem Laufrad. Das heißt, an eine Weiterfahrt ist nicht mehr zu denken. Kühtai ade. Aber gut, was solls. Ich bin nicht gestürzt, mir geht’s gut, ich war am Kaunertaler, der Tiefenbachferner ist auch schon abgehakt. Alles halb so schlimm. Nur: wie komme ich jetzt runter. Glücklicherweise bin ich ja an der Talstation der Gletscherbahn. Ich schultere meinen Renner und gehe die 50 Meter hoch zum Parkplatz. Dort schaue ich erst Mal, ob ich irgendwo einen Bus der Verkehrsbetriebe finde, aber diese Suche ist nicht von Erfolg gekrönt. So. Was tun, sprach Zeus. Da ist ja ein Reisebus. Soll ich so frech sein? Ja, ich bin es. Ich gehe hin, frage einfach, und siehe da, es handelt sich um freundliche Eidgenossen. Der Fahrer steigt sofort aus, öffnet den „Bauch“ des Busses, damit ich meinen Renner verstauen kann, ich steige in den Bus ein, und los geht’s. Mir wird trotz der Tatsache, dass ich total verschwitzt bin, ein Platz angeboten und es entspinnt sich eine sehr nette Unterhaltung. Natürlich wäre ich mit dem Renner flotter im Tal gewesen, aber was solls. Ich komme gut und sicher ins Tal und bedanke mich herzlich bei den netten Schweizern.
Das Fahrrad wird zum Parkplatz getragen, dort im Auto verstaut und los geht’s wieder nach Imst. Der Tag war absolut toll. Vor allem mit meiner Leistung bin ich überglücklich.
Resümee: Sensationeller Tag. Der Anstieg ist wirklich extrem hart, vor allem, weil die Steigung konstant bei 12 bis 14% liegt, das geht in die Beine. Aber das Hochgefühl, das ich am Südportal des Tunnels erleben durfte, entschädigt einen für alles, auch für den 8er im Laufrad. Und die Schweizer sind nett.
Das Laufrad wurde mir auch noch kostenlos getauscht. So solls sein.









