quäldich- Dreiländertour 2005 / Stilfser Joch
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Erlebnisbericht: quäldich- Dreiländertour 2005
Erlebnisbericht von Nachwuchsfahrer (weitere...)
Tag 2: Nauders - Sta Maria: Stilfser Joch
80 km / 2038 Hm / 28.06.2005
Nauders (0,0 km) - Stilfser Joch - Umbrailpass - Sta Maria (80,0 km)
Beschreibung
Das Frühstück im Oberland konnte sich auch sehen lassen, und so gingen wir den Tag ganz entspannt an. Nur 80 km, das sollte doch in angemessener Zeit zu schaffen sein.Norbert fuhr diesmal schon um viertel vor neun los, um mit Vorsprung das Stilfser Joch zu beginnen. Wir anderen bereiteten uns innerlich auf den härtesten Anstieg der Tour vor und schafften es wieder, pünktlich um 9:30 Uhr auf dem Fahrrad zu sitzen. Bis Reschen hatten wir den gleichen Weg zurückzulegen wie gestern, nur eben aufwärts zum Reschenpass. Erstmals waren auch Martin und Klaus mit in der Gruppe dabei, und zu meiner Begeisterung im quaeldich-Dress unterwegs, was für mich immer einfach gut aussieht.
Schnell legten wir die paar Meter Höhenunterschied zum Reschenpass zurück, und rollten auf dem schmalen Radweg durch die Wiesen in Richtung Reschen. Leider proklamierte ein Traktor mit Vollgas die gesamte Spur für sich, was uns kurz in den Graben zwang. Aber das gute Wetter, die sanfte Umgebung und der ansonsten fehlende Verkehr ließen wenig Raum für Zorn zu. Erst in Reschen fuhren wir auf die Haupstraße, der wir fortan gen Tal folgen wollten. Zunächst führt sie jedoch eben am sehr wenig Wasser führenden Reschensee entlang, aus dem der Kirchturm dieses Jahr umso weiter rausragte. Harry hatte uns gestern abend erzählt, dass die Sprengmeister im Jahr der Flutung 1950 auch die Bohrlöcher des Kirchturms schon mit Sprengstoff gefüllt hatten, bevor im letzten Moment entschieden wurde, ihn stehen zu lassen. Heute ist er das meistfotografierte und berühmteste Wahrzeichen Südtirols.
Von einem Parkplatz aus kann man den Kirchturm in aller Ruhe betrachten. Dann werden wir Radfahrer rechts um einen Straßentunnel herumgeführt, bevor wir wieder auf die Straße dürfen. Der hier rechts von uns am See verlaufende Radweg ist nicht asphaltiert, weswegen wir die Leiden des starken Verkehrs auf uns nehmen. Erst hinter St. Valentin a.d.H., noch vor dem eigentlichen Beginn des Gefälles in Richutng Prad, folgen wir einem braunen Fahrradwegschild nach rechts von der Straße, was ich eigentlich gar nicht vor hatte. Aber der Verkehr war so stark, dass ich dieses Wagnis einging und die Gruppe auf diese mir unbekannte Strecke führte.
Dieser Weg stellt sich aber als echtes Highlight heraus. Kurz nach unserer Abzweigung biegt auch der vorher nicht asphaltierte Radweg von rechts ein, und im fast freien Fall geht es auf äußerst schmaler, aber sehr gut geteerter Straße nach unten, erst durch ein Waldstück, dann durch Obstbaumhaine. Die Streckenführung verläuft äußerst abgeschieden, aber für uns durch eine große Gruppe weiterer Radfahrer zunächst bis zum Örtchen Burgeis, an dessen malerischem Dorfplatz wir die Trinkflaschen am Brunnen auffüllen, und damit ein skurilles Fotoshooting eines italienischen Klappergestells in Vogelscheuchenkostüm stören.
Etwas abfallend geht es dann weiter durch den Ort, vor dessen Ende wir links wieder auf den Radweg in Richtung Schleis einbiegen. Fast eben geht es dann weiter bis nach Laatsch, durch das wir gestern schon vom Ofenpass kommend gefahren sind, um dann ab Mals die "Hammersteigung über die Alm" in Richtung Ulten zu bezwingen.
Heute haben wir unsere Hammersteigung noch vor uns, und so freuen wir uns, dass auch der Radweg von Laatsch weiter in Richtung Glurns asphaltiert ist, und wir so um einen Umweg herum kommen. In Glurns machen wir kurz Stopp, um die mittelalterlichen Dorfbefestigungen auf uns wirken zu lassen, und fahren dann weiter auf der Hauptstraße nach Prad, da der Vinschgauradweg hinter Glurns die Teerdecke verliert.
Im Feld ist unterdessen die Anspannung vor dem großen Anstieg gestiegen. Außer Martin und mir ist noch niemand das Stilfser Joch gefahren, und der Anstieg gilt zurecht als einer der schwersten, aber auch straßenbaulich beeindruckendsten der Alpen. So wird in Prad nicht lange Zeit verloren, und gleich rechts in Richtung Stelvio abgebogen, dessen Passstraße wir zunächst dem Suldenbach folgen. Gunnar und Maria können kaum glauben, dass dies schon zum gefürchteten Anstieg zählt, denn noch ist die Steigung mäßig - und von Qual noch keine Spur. Dafür von Norbert, den wir in diesem Teil der Auffahrt aufsammeln. Der hatte sich eine längere Pause in Glurns gegönnt als wir, und sich außerdem einen Fahrplan für den Postbus hinauf zum Stilfser Joch organisiert, worüber es mir tags zuvor nicht möglich gewesen war, noch Informationen einzuholen. Der verkehrt aber recht regelmßig, so dass Norbert sich entschied, bis Gomagoi das Rad zu bemühen, und von dort, wo die Steigung ernst zu machen beginnt, auf den Bus umzusteigen.
Die Steigung hält sich bis Gomagoi noch zurück, und so nutze ich diese letzte Gelegenheit, Bilder von meinen noch entspannten Mitfahren zu schießen. Ebenso Martin, der seine Digitalkamera ebenfalls ständig im Anschlag hat.
In Gomagoi biegt links das Suldental weg, ein Tal, was in der C-Variante der heutigen Tour befahren werden könnte. Aber Martin und Klaus haben sich gestern genug angestrengt und entscheiden sich für die gemeinsame Fahrt bergauf. Bis Gomagoi warten die beiden immer wieder auf uns, dann aber nimmt Klaus meinen Vorschlag gerne an, bis zur Franzenshöhe (2188 m) durchzufahren, wo wir Mittagspause machen wollen. Martin bleibt mit mir hinten und unterstützt mich auf der Jagd nach den leidensvollsten Fotos. In Trafoi nach der ersten von 48 Kehren liegen wir auf der Straße und lassen die anderen an uns vorbei ziehen - das Panorama des Ortlergletschers vor dem strahlend blauen Himmel im Hintergrund ist einfach gigantisch.
Ab hier ist jeder auf sich allein gestellt: Gunnar entwickelt Bärenkräfte und zieht runden Tritts nach vorne weg, dahinter Maria, Rolf und Michael, der für seinen gestrigen Angriff am Ofenpass Tribut zollen muss und gehörig in den Lenker beißt. Aber alle sind heiß auf den Berg, und jeder ist sicher, oben anzukommen - auch das steilste Stück in einer Geraden mit traumhaften Blicken nach links zum Ortler tragen alle mit Fassung, auch wenn Rolf sich hier entscheidet, die nächste Tour mir einer Dreifachgarnitur anzutreten.
Martin und ich beißen uns derweil an einem hochmotivierten Amateur fest, der von hinten herangeschossen kam und ein gehöriges Tempo vorlegt. Wir fachsimpeln noch ein wenig über die Pässe der Gegend, dann aber bin ich froh, als ich mich mit Hinweis auf meine Fotografierpflichten verabschieden kann.
Alle sind gerade gut im Tritt, als wir die Franzenshöhe bei Kehre 22 erreichen, wo Klaus schon seit geraumer Zeit sitzt, gerade seine dritte Apfelschorle trinkt und das atemberaubende Panorama zwischen Ortler und Passhöhe genießt, die westlich 550 m über uns zu sehen ist. Unfassbar ist hier einfach die Straßenführung, diese letzten sechs Kilometer der Passstraße, die sich eine Wand hochzieht, die von hier nur senkrecht aussieht.
Glücklicherweise ist es weit vor halb drei, so dass wir die schauerhafte Vorstellung auf den restlichen Anstieg mit gutem Essen verdrängen können: es gibt Pasta und einen traumhaften Kaiserschmarrn, der wirklich jeden Rest an Energiemangel überkompensiert. Reste davon sind in Martins Sonnenbrille zu bewundern.
Nach weit mehr als einer Stunde wollen wir uns gerade aufmachen, als Norbert per Handy anfragt, ob er an der Franzenshöhe aus dem Bus steigen oder gleich durch zur Passhöhe fahren soll. Wir entscheiden uns für Letzteres und machen uns auf die letzten 6 km des Anstiegs. Klaus und Martin präsentieren noch ein letztes Mal für mich ihr quäldich-Trikot vor den legendären letzten Kehren des Anstiegs, und schon stürzen wir uns ins sie hinein.
Rolf ist die lange Pause nicht gut bekommen, und hat große Probleme, den Tritt wieder zu finden und auch mir fällt es schwer, Klaus zu folgen, von dem ich zu diesem Anlass auch endlich ein paar Bilder machen will. Letztlich bleiben Martin und ich hinten beim kämpfenden Rolf und nutzen die Zeit für diverse Fotos des wunderbaren Schlussanstiegs hinauf zum Joch - bei so blendendem Wetter, wie wir es haben, gibt es nicht viel schöneres in den Alpen - die volle Sternzahl für den Stelvio ist einfach berechtigt.
Oben angekommen sind sich alle einig, dass es hart war, aber alle hatten es sich auch schwieriger vorgestellt - die relativ lockere Runde am Vortag hatte die Beine doch gut vorbereitet, und trotz des steilen Anstiegs "über die Alm" am Reschenpass waren genug Körner für den heutigen Tag übrig geblieben.
Rolf, der Mann für die Ausflüge abseits der Hauptstrecke, entscheidet sich noch bis Tibet durchzufahren, einem etwa 20 m über der Passhöhe gelegenen Imbiss, auf dem sich der Trubel zumindest Ende Juni und damit in der Vorsaison gemessen am Pass noch deutlich in Grenzen hält. Nach anfänglichem Zögern folgt ihm doch die ganze Baggage, denn wer will sich schon eine vielleicht bessere Aussicht entgehen lassen. Vielleicht? Der Hammer ist die Aussicht von hier oben, den gesamten Kessel des Schlussanstiegs bis zur Franzenshöhe hinunter, dahinter majestätisch der Ortler. Unglaublich, auch für mich eine neue Erfahrung.
Auch Norbert ist inzwischen eingetroffen, und so können wir erstmals ein Passfoto in voller Besetzung aufnehmen. Nun rollen wir noch gemächlich hinab zum Umrailpass, wo wir die 11 Hm Anstieg auf dem großen Blatt nehmen könnten, wenn nicht die Zollstation dazwischen wäre. Aber auch so gehen keine Körner verloren, und selbst wenn - für die Abfahrt bräuchten wir sie nicht.
Wir genießen diese Abfahrt über den Umbrailpass, die viel natürlicher wirkt als das eben absolvierte straßenbauliche Meisterwerk, und dank der absoluten Ruhe, die hier herrscht, einen krassen Kontrast zum Stilfser Joch darstellt.
Die Vorfreude auf morgen früh steigt, denn da geht es hier mit der Morgensonne hoch. Wir durchfahren das Stück Naturstraße, und glücklicherweise kommen alle 16 Pneus unbeschadet hinüber - vorsichtige Fahrweise ist dennoch geboten. Zwischen den Bäumen grüßt immer wieder das Münstertal mit dem weiten Blick hinüber zum Sattel des Ofenpasses, auf dem wir gestern noch waren.
Kurz vor Sta Maria durchfahren wir in zwei Schwüngen die Wiesen oberhalb des Ortes und fahren steil in den Ort hinein, wo wir an der Kreuzung zur schmalen Haupstraße jäh abbremsen müssen, und links die letzten Höhenmeter zum Hotel Stelvio anbrechen.
Auch hier finden wir uns zunächst auf der Terrasse ein und beenden das Tagwerk mit einem Bier. Die Stimmung ist gelöst, denn nicht nur liegt der schwerste Anstieg hinter uns, auch haben wir uns in den letzten zwei Tagen kennen gelernt, und verstehen uns super. Man weiß ja nie, was für eine Gruppe sich finden wird, aber alle sind zufrieden, das Gruppengefühl ist toll. Weniger toll stellt sich allerdings das Hotel Stelvio dar. Seit meiner Vortour im September haben die Pächter gewechselt, und das neue Team ist noch nicht rund eingespielt. Die Zimmer sind einfach, was allein nicht schlecht ist, aber auch die Vorbereitung auf Radfahrer ist mehr als schlecht, es gibt keine Pumpe, und am nächsten Morgen sind die Energiegels aus - da muss sich bis zur nächsten Tour im September noch einiges tun.
Aber wir sind genügsam, und freuen uns aufs Abendessen, was ausreichend ausfällt, aber leider auch nicht vom Hocker reißt. Außerdem warten wir aufgrund eines Missverständnisses lange auf unser Essen - naja, dem Pächter wars peinlich.
Abends sitzen wir noch in lockerer Runde zusammen und betrachten die Bilder der ersten zwei Tage - es sind schon einige zusammen gekommen, und es ist toll, das Erlebte noch einmal an sich vorbeiziehen lassen zu können - Digitaltechnik machts möglich.
Anschließend sitzen wir noch in der lauen Abendluft auf der Terasse und diskutieren die heutige und morgige Etappe: Klar, dass Martin und Klaus auf den Gaviapass wollen uns so wieder Tour C fahren, während die sechs anderen wie geplant die B-Tour unter die Räder nehmen wollen.
Anders als am Montag geht der Weg für uns aber anfangs gemeinsam über den Umbrailpass, erst in Bormio trennen sich unsere Wege. Wir fahren das Veltlin hinunter auf der alten Staatsstraße nach Tirano, um dann über die lange Auffahrt des Forcola di Livigno nach Livigno zu gelangen, Martin und Klaus fahren den Gaviapass als Stichstraße, und dann über das Doppelpack Passo di Foscagno, Passo d'Eira nach Livigno, eine Strecke mit nur 6 Kilometern, dafür aber 800 Hm mehr.
Voller Vorfeude auf den morgigen Tag und Stolz auf das heute Geleistete geht es dann ins Bett.






