quäldich- Dreiländertour 2005 / Umrail / Forcola di Livigno
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DLRF: 2
Erlebnisbericht: quäldich- Dreiländertour 2005
Erlebnisbericht von Nachwuchsfahrer (weitere...)
Tag 3: Sta Maria - Livigno: Umrail / Forcola di Livigno
123 km / 3050 Hm / 29.06.2005
Sta Maria (0,0 km) - Umbrailpass - Forcola di Livigno - Livigno (123,0 km)
Beschreibung
Heute steht noch einmal ein langer Tag mit zwei deftigen Steigungen vor uns: es geht über den Umbrailpass, dann das Veltlin hinunter nach Tirano und über den Forcola di Livigno hinüber in die Freihandelszone von Livigno. Klaus und Martin haben sich sogar für die C-Tour entschieden und biegen hinter dem Umbrailpass in Bormio nach links ab auf den Gaviapass, den sie als Sackgasse fahren, um dann über Foscagno und Eira zum Hotel Paré zu gelangen.In Anbetracht der großen Höhenmeterzahl ist natürlich ein ausgiebiges Frühstück nötig, und leider enttäuscht das Hotel Stelvio auch in dieser Kategorie: die Brötchen sind alle schon von den zahlreichen Mountainbikern verspeist worden, die früher als wir auf dem Rad sitzen, was wir ihnen nicht übel nehmen, denn wir hätten es genau so getan. So essen wir Brot und Müsli, was es immerhin in ausreichenden Mengen gibt. Auch hier werde ich vor der Tour im September noch einmal intervenieren müssen.
Norbert ist wieder früher los gefahren; mit einer Gruppe Darmstädter Mountainbiker ist er mit über einer Stunde Vorsprung in den Umbrailpass gestartet, diesmal gibt es keinen Postbus auf dem Weg hoch, und er möchte nicht, dass wir zu lange auf ihn warten müssen. Wir lassen es relativ locker angehen, sitzen aber wegen der relativ langen Strecke schon um 9 Uhr auf dem Rad. So können wir die Strahlen der Morgensonne genießen, die das Münstertal in ein mystisches Licht tauchen. Höher und höher schrauben wir uns im Wald des unteren Umbrailpasses, wobei die Aussicht auf das Tal mit dem Ofenpass als Talschluss immer besser wird.
Der Anstieg ist anspruchsvoll, und ich wundere mich, wie gut sich Norbert augenscheinlich an den Darmstädtern festgebissen hat, denn von ihm fehlt jede Spur. Auch im Schotterstück: kein Norbert.
Danach tritt der Wald zurück, und über mehrere Serpentinen windet sich die schmale Straße auf recht ruppigen Belag nach oben, traumhaft gelegen zwischen Alpenwiesen und dem roten Fels, der rechts und links ansteht. Für mich wird die Fahrt nun doch anstrengend, denn Martin und Klaus fahren nicht schnell genug, so dass es für mich immer noch möglich ist, zwischen ihnen als der ersten Gruppe und dem langsamsten Mitfahrer hin und her zu pendeln - echtes Intervalltraining für schönste Bilder.
Und dann, im Flachstück vor der letzten Serpentinengruppe, sehe ich Norbert erstmals von hinten, noch auf Tuchfühlung mit seinen hessischen Genossen. Aber es dauert noch einige der sehr malerischen Kehren, bis ich ihn endlich eingeholt habe. Noch zwanzig Minuten mit den letzten, knackigen Kehren liegen vor uns. Dennoch bleibt Zeit für den Blick nach links und rechts, auf Enziane und Motorradoldtimer, von denen einige hier entlang fahren.
Norbert hat sich erst mal eine Pause verdient, und glücklicherweise hat das Verpflegungshäuschen oben am Pass offen. Klaus und Martin fahren schonmal voraus, und wir lassen uns von Norbert auf einen Kaffee einladen, aus Dank für unsere selbstverständliche, aber eigentlich nicht eingeplante Pause.
Heute morgen war der Himmel noch wolkenlos gewesen, aber je näher wir dem Pass kamen, desto dunkler zog es sich zu, und über der Ostrampe des Stilfser Jochs bahnten sich Gewitter an. Daher nahmen wir nach dem obligatorischen, schon wolkenverhangenen Passschildbild die Beine in die Hand und warfen uns in die lange Strecke bergab: Zunächst über die Westrampe des Stilfser Jochs, die in puncto Straßenbaukunst der Ostrampe in nichts nachsteht, was uns natürlich kostbare Zeit auf der Flucht vor dem herannahenden Unwetter nahm, dessen Vorboten uns in der unbedingt empfehlenswerten Fotopause in Form von leichtem Regen einholte.
Glücklicherweise konnten wir nach dem Serpentinenstück dem Hang folgend schnell Strecke zwischen uns und das Gewitter legen - toll sind in dieser Passage die vielen Galerien, die ohne Ausbau in den nackten Fels gehauen wurden, und durch Fenster von rechts spärlich beleuchtet werden. Mit Rückenlicht habe ich mich hier auch besser gefühlt.
In Bormio hielten wir uns nicht auf, sondern fuhren gleich auf der Hauptstraße weiter in Richtung Tirano. Nach ca 2 Kilometern biegt hier die alte Staatsstraße nach rechts von der Kfz-Straße ab, der wir im weiteren Verlauf gar nicht folgen dürften. Diese alte Straße ist noch in vollem Umfang erhalten, und der meist durch den Fels führende Neubau nimmt hier den kompletten Transitverkehr auf, so dass wir auf unserer Route quasi alleine sind und die knapp 40 km durch das liebliche Veltlin ungestört genießen können.
Das Veltlin fällt keineswegs sanft und gleichmäßig ab, eine Gegensteigung mit ca 50 Hm gilt es im vorderen Teil zu überwinden, und in dessen Anschluss folgt eine 10%ige Abfahrt über 2 Kehren, nach denen noch einmal Geschwindigkeiten über 80 km/h möglich sind, bevor wir le Prese erreichen.
Hier werden wir zweimal unter der aus dem Fels erscheinenden Neubaustrecke hindurchgeführt und erreichen nun den flacheren Teil des Veltlins. Das Unwetter immer noch im Nacken wird nun richtig Tempo gemacht, im Rausch des Windschattens fliegen wir an Grosio heran, wo wir im Gasthof links von der Kirche Mittagspause machen.
Von hier sind es noch ca 14 abschüssige Kilometer bis nach Tirano, genug zur Verdauung also. Das Essen ist OK, es gibt Spaghetti Napoli und Cola. Das Unwetter erreicht uns, aber es regnet nicht so stark wie befürchtet. So hoffen wir, dass wir Norbert abpassen können, der hinter uns geblieben ist und vor hat, ab Tirano mit dem Berninapexpress bis zum Berninapass zu fahren, und von dort hinunter zum dann auf 3,5 km Länge verkürzten Schlussanstieg zum Forcola di Livigno.
Aber wir sind scheinbar blind, denn ein Anruf ergibt, dass er schon weiter in Richtung Tirano unterwegs ist, und so machen wir uns auch auf die letzten Kilometer in Richtung Mazzo, wo die legendäre Anfahrt zum Passo di Mortirolo beginnt. Nicht aber für uns, denn wir rollen weiter auf der alternativen Strecke bis kurz vor Tirano, wo wir 2 Kilometer mit einer leichten Steigung auf der Hauptstraße fahren müssen.
Doch nach einer letzten rasanten Abfahrt ist Tirano erreicht, und wir fahren ohne Stopp in Richtung Schweiz und Berninapass.
Vom tiefsten Punkt steigt es hier aber deutlich länger an, als ich es in Erinnerung hatte. Von Madonna di Tirano an bezwingen wir eine deftige Steigung, in der wir zunächst den Grenzübergang in Campocolongo durchfahren, der im engsten Bereich der Schlucht des Baches Poschiavino liegt. Entlang an einer der berühmten Schleifen, die der Berninaexpress hier beschreibt steigt es auf breiter Straße weiter bis zum Ort Miralago, bei dem der Lago di Poschiavo erreicht wird, an dessen Ufer die Straße nun für einige Zeit fast eben entlang geht.
Wir nehmen uns etwas Zeit für den Genuss der Seelandschaft und halten unsere Füße in den gar nicht so kalten Bergsee. Ein Strudel knapp vor uns erinnert daran, dass der Lago di Poschiavo aufgestaut ist und einen unterirdischen Auslass hat.
Erst einmal haben wir das Unwetter hinter uns gelassen, und wir sind zuversichtlich, den Gipfel trocken zu erreichen. Das einzige Problem ist die Psyche: der Aufstieg ist mit 36,5 km einer der längsten der Alpen, und die Straßenführung ohne jegliche Serpentine gerade am Hang entlang bietet wenig Abwechslung. Winzig der Ort Poschiavo bietet etwas Abwechslung, den wir auf Rolfs Vorschlag hin durchfahren, anstatt auf der Passstraße außen herum zu fahren.
Das war sicherlich eine gute Idee vor den letzten 13,5 km auf dieser breiten Straße, bevor wir 3,5 km vor dem Forcola di Livigno die Berninapassstraße nach rechts verlassen. Die führt erstmal wie gehabt weiter gerade am Hang entlang. Gunnar und Maria sehnen sich nach Abwechslung und steuern bei Sfazu die Einkehrmöglichkeit an der rechten Straßenseite an, die Rolf aber, gerade gut im Rhythmus, nicht wahrnehmen möchte.
So sind es Michael, Maria, Gunnar und ich, die hier auf einen Kaffee absteigen. Keine gute Idee, denn das Wetter hat sich nach dieser Pause gründlich verschlechtert, und so müssen wir das Zeitfahren gegen das Gewitter wieder aufnehmen. Vor uns wird es deutlich dunkler, und während wir die paar Serpentinen vor dem Abzweig in Angriff nehmen, fallen schon die ersten Tropfen vom Himmel: der Kampf geht verloren.
Endlich sind wir an der Abzweigung, wo sich bereits ein Nieselregen festgesetzt hat, der Böses für die Abfahrt ahnen lässt, denn noch sind wir auf der Südseite des Alpenhauptkamms. Nördlich davon wird es kaum besser aussehen.
Besser aus sieht allerdings auf jeden Fall die Straße hinter dem schweizer Grenzposten am Abzweig: deutlich schmaler schlängelt sie sich durch eine wilde Fels- und Wiesenödnis. Die Spannung, wie viel schlechter das Wetter hinter der Passhöhe sein wird, tut ein Übriges zur Belebung der Sinne bei, so dass wir gerade gut im Tritt sind, als wir plötzlich Norbert rechts am Straßenrand stehen sehen, der gerade sein Rad in einen Schweizer PKW verstaut - ihm ist das Wetter zu schlecht. Recht hat er.
Die Fahrer des Wagens lernen wir übrigens heute abend im Hotel etwas näher kennen, denn als sie Norbert dort abgeliefert hatten, entschieden sie sich prompt, die Nacht auch dort zu verbringen.
Wir kämpfen uns durch die letzten Kurven zum Pass, und werden in unseren schlimmsten Befürchtungen bestätigt: es gießt in Strömen im hochtal Livignos. Glücklicherweise ist es nicht allzu kalt, aber dennoch sind es schlimme 15 km hinab nach Livigno, die zu flach sind, um schnell hinunter zu kommen, aber auch zu steil, um durch Tretbewegung Wärme erzeugen zu können. So fahre ich mit geschlossenen Bremsen tretend zu Tal, um mich wenigsten etwas aufzuwärmen.
Zu allem Überfluss kenne ich die Lage des Hotels nicht genau, weil ich in meiner Vorbereitungstour bei einem Schwesterhotel zu Mittag gegessen habe. Glücklicherweise weist uns ein Hotelwirt genau den richtigen Weg: Wir müssen zweimal rechts abbiegen in Richtung Passo d'Eira, an dessen Abfahrtsende das Hotel rechter Hand liegt. Lobend erwähnen möchte ich auch Norberts Mannschaftsgeist, der sich, sobald er im Paré angekommen war, sofort darum kümmerte, ob wir vielleicht wegen Schlechtwetters abgeholt werden müssen.
Das war glücklicherweise nicht der Fall, und so erreichten wir durchgefroren das 4-Sterne-Hotel Paré, in dem die Sauna glücklicherweise schon aufgeheizt war, in der wir uns wenig später alle trafen.
Auch Martin und Klaus trafen wir in der Sauna, die zwar leider über 60 Grad nicht hinauskam, aber uns doch schön aufwärmte. Gegen ihre Erlebnisse stellte sich unser Unwetter als sommerlicher Regenschauer heraus, denn sie hatte das Unwetter, das wir schon vom Umbrailpass aus gesehen hatten, voll in der Anfahrt zum Gaviapass erwischt. Haselnussgroße Hagelkörner waren niedergegangen, als das Gewitter genau über ihnen war, und sie hatten sich eng an den Fels gelehnt, um nicht komplett durchgenässt zu werden. Ein zweites Mal konnten sie das Gewitter glücklicherweise im Gaviapasshaus abwarten, und waren dann am Passo d'Eira auch in unseren sommerlichen Regenschauer geraten, in dem sie aber nur noch einige Kilometer bis zum Hotel Paré zurücklegen mussten.
Auch sportlich hatten sie es sich voll gegeben, und sind an den letzten beiden Pässen Ausscheidungsrennen gefahren, von denen sie jetzt beide behaupteten, der jeweils andere hätte es für sich entschieden. Jaja, immer bescheiden, die Pässefahrer.
Das Hotel Paré hatte sich also gut eingeführt, und zum Schwimmen im Pool blieb leider keine Zeit mehr, denn das Abendessen rief und der Magen knurrte gehörig. Das Essen konnte sich auch wirklich sehen lassen, und so war die Stimmung super. Die beiden Gruppen tauschten noch Erfahrungen aus, und hinterher setzten wir uns noch auf einen Drink auf Kosten von quäldich.de in die Hotelbibliothek, wo wir ziemlich horizontal die Sofas bevölkerten, es waren doch alle ziemlich geschafft.
Ich witterte Morgenluft, weil Martin und Klaus sich jetzt schon 2 Tage gegenseitig platt gefahren hatten, und machte Klaus einfach mal mit zitternden Knien eine Kampfansage, dass ich morgen mal mit ihm den Albulapass hochfahren wolle. Er ging auch prompt darauf ein, und damit hatten wir den Salat: was als Schaulaufen das Engadin hinab mit kleinen Abstechern nach links die Pässe hoch angedacht war, drohte richtig anstrengend zu werden.
Morgen sollte es ja die 15 Kilometer hinauf zum Forcola di Livigno gehen, danach die vier Kilometer Reststeigung zum Berninapass, die wir heute ausgelassen hatten. Von da ab ginge es prinzipiell bergab bis Scuol. Auf dem Weg dahin waren als Optionen der Albulapass ab la Punt und der Flüelapass ab Susch als Stichstraßen vorgesehen, und spätestens nach meiner Kampfansage hoffte ich, dass niemand mehr auf den Flüelapass Lust haben wird.
Erstmal allerdings hofften wir für morgen auf besseres Wetter. Unsere neuen Freunde allerdings (die Norbert ins Hotel gebracht hatten) hatten von einer Aufheiterung im Radio geehrt, was uns mit Erleichterung ins Bett fallen ließ.





