Tour de France 1998 / Durchs Vercors nach Vienne
QD-Reisen & Events:
DLRF: 2
Erlebnisbericht: Tour de France 1998
Erlebnisbericht von Till (weitere...)
Tag 7: Grenoble - Vienne: Durchs Vercors nach Vienne
160 km / 1400 Hm / 08.08.1998
Grenoble (0,0 km) - Vienne (160,0 km)
Beschreibung
Übernachtung: Jugendherberge Vienne
.Heute morgen geht es allen nicht so gut, nach den Anstrengungen gesternn am l'Alp d'Huez und so. Tobi klagt, er hätts ein wenig im Magen, ich bin schlapp, nur Freddy geht es gut. Das Frühstück ist schnell eingenommen, mit britischer Vorzeigefamilie in der Nachbarschaft.
Aus Grenoble erst mal herauszufinden in Richtung St-Nizier-du-Moucherotte, von wo es ca 800 Höhenmeter raufgeht zum letzten Alpenhügel, ist wahrlich nicht einfach, überall versperren uns Autobahnen den Weg. Als wir den Einstieg endlich gefunden haben, stellt sich der Einstieg als recht flach heraus, also genau mein Terrain. Obwohl es mir heute morgen noch schlecht ging, spüre ich jetzt doch, dass meine Beine recht gut sind und ich gebe Gas, so dass wir mit 14 - 18 km/h den Berg hoch gondeln. Freddy fährt wie immer sein Tempo hoch, souverän. Tobi und Till versuchen dran zu bleiben, aber als ich nochmals das Tempo erhöhe, geben sie sich damit zufrieden, dass keiner von beiden an mir dran bleibt - bin ich doch als Gegner um das Bergtrikot nur ein Außenseiter. Der Anstieg zieht sich erheblich, doch endlich erreiche ich den Ort St-Nizier-du-Moucherotte, kurz nachdem es ein Stück bergab geht. Nun ergibt sich das Problem, dass ich nicht weiss, wo der Gipfel ist. Also entschließe ich mich, an dieser Stelle zu warten, nachdem ich einem Einheimischen irgendentwas wie eine Aussage abgerungen habe, dass es hier wohl nicht mehr höher gehe.
Nach und nach - enttäuschend schnell - kommen erst Till, dann Tobi und später Freddy - pfeifend - an. Tobi ist heut wirklich nicht gut drauf. Er bestätigt, dass dies tatsächlich der Gipfel ist, so dass ich meinen ersten Bergpreis feiern kann. Ist aber nur einer unterer Kategorie.
In diesem Ort kaufen wir dann das erste Wasser des Tages, bei einem klitzekleinen Tante-Emma-Laden. Auf der Abfahrt geht es dann weiter mit diesen Bildern, die Abfahrt geht erst sehr lang sehr flach,




als wir dann bei Villard-de-Lans auf die Strasse in Richtung Pont-en-Royans einbiegen, ist die Abfahrt wunderschön:
Eine schmal geschnittene Schlucht mit begrünten Hängen, bei der die die Strasse rechts in den
Hang eingearbeitet ist. Das Gefälle ist immer noch sehr gering, sodass wir umso schneller
fahren, wirklich ein Spaß. Doch langsam beginnen die Reifen, der Hitze Tribut zu zollen, Tills
platzt und er muss in dieser malerischen Schlucht Reifen wechseln - Zeit zu fotografieren.Es zog sich bis Vienne. Als wir endlich ankommen, ist es schon wieder fast viertel nach acht, so dass die Supermärkte bald schließen. Wir fahren an dem Amphitheater vorbei in die Innenstadt. Freddy peilt zielstrebig das hübscheste Mädchen der Straße an, sie hat Einkaufstüten im Arm. Sie erzählt ihm: gleich durch den Torbogen à gauche ist ein supermarché. Wir bedanken uns und zischen ab in Richtung Markt. Vor dem sitzt eine Gruppe Penner und versucht, Hundewelpen an den Mann zu bringen. Freddy und ich gehen rein, wir werden schon von dem Security-Officer angehalten, uns zu beeilen, weil ja gleich dienstschluss sei. Wir kaufen also nochmal Nudeln, morgen ist ja Ruhetag - da können wir bestimmt einmal ordentlich essen. Also alles nötige gekauft und wieder - voll beladen - aufs Rad geschwungen. Bis zur Jugendherberge Vienne
ist es nicht mehr weit, sie liegt direkt an der Rhône, ein sehr altes Häuschen. Froh, endlich dah zu sein,
loggen wir uns ein. Ein sehr netter Mann anfang 40 bedient uns. Wir ziehen in den zweiten Stock,
10-Bett-Zimmer, wir sind jedoch alleine. Die Doppelbetten haben Gitter statt Roste - sie beschreiben
Hyperboloide bei Benutzung. Aber dafür quietscht es schön.
Kurz nach unserer Ankunft kommt ein weiterer Reisender zu uns ins Zimmer: eine abgerissene Gestalt
mit grossem Reiserucksack, ca 1 Meter 70 gross, schmales, unrasiertes Gesicht, dünnes Haar,
dich unentwegt anschauende Augen. Tobi ist der Typ nicht ganz geheuer, aber wir haben ja keine
grossen Werte im Zimmer. Also begeben wir uns nach oben, in die
cuisine disponsable. Wir machen uns unsere Nudeln (oder gab es Milchreis?), sind gerade
beim Nachtisch angekommen (ich schon pappsatt), da kommen die beiden Mädels zu uns; Deutsche, dir wir schon vorher am Bad
gesehen haben, als wir duschten. Das Gespräch ging so:Mädchen 1(leicht singender, weltmännischer Ton): Ah, ihr seid Deutsche, ich wette, ihr seid Studenten, also wir lernen ja NUUUUUR Studenten kennen auf unserer Tour.
Wir: Verstohlene Blicke, aha, alles klar - Schüler. Tobi: Und in welche Klasse geht ihr?
Mädchen 1: Oh, du bist blöööd.
Mädchen 2: Also, ich habe gerade mein Fachabitur gemacht und arbeite bei der Bank soundso in soundso.
Mädchen 1: Ich mach nächstes Jahr Abitur. Und was macht ihr so?
Till:(Setzt an, ohne Hintergedanken)Ja, das ist Tobi, der ist Zahnarzt und... Mädchen 1: Waaas, echt? Zahnarzt? Mit ner eigenen Praxis und so? Voll cool. Ich hätt dich gar nicht für so alt gehalten.
Tobi: Naja, bin halt 27, hab ne ganz gut laufende Praxis in Freiburg.
Mädchen 2: Geil, und was macht ihr so?
Freddy: Ja, ich studiere ja Geologie. Ist sehr interessant, vor allem hier in den Alpen. Da findet man Steine, sag ich euch. Phänomenal.
Mädchen 2: Aha, was ist denn daran interessant?
Freddy: Also, als Geologe geht man richtig eine Symbiose ein mit den Steinen. Ich zum Beispiel lauf in den Bergen immer mit nem ganzen Rucksack rum, in den ich die Steine tu, deren Strahlen ich am Besten aufnehmen kann: Also manche sagen mir richtig was: Mit denen kann man sich unterhalten. Manche strahlen richtig Wärme aus. Ein echter Geologe legt sich die Steine unter das Kopfkissen um die Strahlen zu empfangen. Phänomenal, sag ich euch - Ja, ihr lacht? Habt ihr denn keine Augen im Kopf? So geht das bei Geologen.
Mädchen 2: OK, jetzt wissen wir das ja von euch beiden: Aber was macht denn ihr so? (Guckt mich und Till an).
Till: Ich studiere Sozialwissenschaften auf Lehramt. Das ist genau mein Ding. Da blüh ich voll auf
Jan (kleinlaut): Ich bin Müllmann. Bei den Stadtwerken in Lüneburg. Ja, ist echt so. Mag vielleicht ein bisschen unbefriedigend klingen, aber der Job füllt mich voll aus. Ihr könnt euch keine Vorstellung davon machen, wie toll das ist, hinten auf dem Müllwagen zu stehen - du hast soviel Zeit und kannst dir über alles mögliche den Kopf zerbrechen. Ausserdem ist man an der frischen Luft und hat abends dann noch Zeit zu trainieren.
Tobi: Ach Jan, nun tu doch nicht so, als würdest du da viel über irgendwas nachdenken. Das machst du doch nie.
Jan: Oh, jetzt hörts auf. Nur weil du Protzer mit deiner Praxis Geld scheißt, musst du dich doch noch lange nicht andauernd auf meine Kosten profilieren.
Tobi: Jaaa, na endlich. Er hats richtig ausgesprochen. Sonst sagt er nämlich immer: 'profitieren'. Er kann nur zwei Fremdwörter.
...
Und so ging es immer weiter, bis sie uns am Ende nicht mehr glaubten, wie es wirklich ist (denn ich kenne ja nur zwei Fremdwörter).

