Tour de France 1998 / Einbruch am Passwang
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Erlebnisbericht: Tour de France 1998
Erlebnisbericht von Till (weitere...)
Tag 1: Emmendingen - Solothurn: Einbruch am Passwang
176 km / 02.08.1998
Emmendingen (0,0 km) - Passwang - Solothurn (176,0 km)
Beschreibung
Vorbereitungen
Am 1.8.1998 ging es los: Ich fuhr mit Till von Bonn nach Emmendingen, dort erwarteten uns schon Freddy und Tobi am Bahnhof. Nur die Fahrräder und das notdürftigste Gepäck dabei, das uns in den nächsten zwei Wochen durch die Schweiz in die französischen Alpen und über das Zentralmassiv und die Vogesen zurück nach Emmendingen begleiten sollte:Ein Acht-Liter-Rucksack mit folgendem Inhalt: Eine leichte Pflegerhose, ein schwarzes T-Shirt, ein Paar Socken, eine kurze und eine lange Radhose, ein Funktionsshirt, ein Trikot, Ärmlinge, ein 30x30 cm-Handtuch, eine Reisezahnbürste. Ausserdem ein Helm und unter dem Sattel eine Tasche mit Werk- und Flickzeug und einem Ersatzschlauch, am Trinkflaschenhalter eine Teleskoppumpe. So kamen wir in Emmendingen an, ich mit meinen Ballettlatschen, die ich zur abendlichen Entspannung eingepackt hatten. Denn das man Schuhe fürs abendliche Diner braucht ist klar, und Ballettschuhe lassen sich am kleinsten packen und sind am leichtesten. Danach ging es bei Tobi um die letzten Planungen: Das Werkzeug wurde verteilt: Ersatzbremsbacken für rasante Abfahrten, ebenso Bowdenzüge und Ersatzschläuche. Tobi steckte noch einen Rasierer ein mit vier Klingen zum Wechseln, dem Alter nach in der Lade geordnet,ein Stück Seife (ca. 50 Gramm), eine Tube Zahnpasta (10 ml). Freddy strukturiert seinen Rucksack noch einmal um und sieht ein, dass doppelte Sätze überflüssig sind. Die vier Landkarten, die wir durchkreuzen wollen, werden verteilt. Niemand von uns ist je in den Alpen Fahrrad gefahren, da ist die Verunsicherung über diese Herausforderung groß und so werden bis um halb drei in der Nacht letzte Beratungen geführt über den nächsten Tag.
Die erste Etappe
Übernachtung: Jugendherberge SolothurnHalb sieben aufstehen, danach Frühstück mit Brötchen und soviel Nudeln, wie wir essen können, denn die erste Tour, "zum Einrollen", wie Tobi sagt, soll nach Solothurn gehen, über die Grenze nach Frankreich, von dort aus nach Süden, in die Schweiz und über den Paßwang nach Solothurn. Der Paßwang ist der einzige nennenswerte Berg an diesem Tag, mit 550 Höhenmetern das einzige, was das Höhenprofil des ersten Tages zeigt. Till hat in der Vorbereitung jedem Tag ein Profil ausgedruckt. Bis heute ist der Sommer in Deutschland grau und feucht gewesen, aber heute ist ein strahlend blauer Tag und das Losfahren fällt uns leicht: Die ersten 90 km in Deutschland und Frankreich verlaufen lässig mit Windschattenwechsel, obwohl wir den erste französischen Supermarkt lange suchen müssen, den wir anlaufen. Es ist sehr heiss, deswegen decken wir uns mit Flüssigkeit ein, jeder hat Behälter für 1,5 l, nur Till begnügt sich mit einem Liter Fassungsvermögen. Essen scheint nicht notwendig. Es geht über die Schweizer Grenze, der Grenzübergang wäre kaum merklich, wären nicht die vielen weiß-roten Banner da auf einmal. In einem kleinen Ort, nach den ersten Hügeln unserer Tour, bei denen ich Tobi noch ergeizig hinterherhechle, machen wir an einer Kapelle halt, um auf die anderen zu warten. Hier gibt es einen Marktstand ohne Marktfrau zur Selbstbedienung. Die zum Abwiegen gedachte Kartoffelwaage nutzen wir, um unser Systemgewicht herauszufinden: Tobi 85 kg, Till 88 kg, ich 91 kg, Freddy 95 kg. bei mir kommen davon 2,3 kg auf meinen Rucksack. Danach weiter. Nach 130 Kilometern erreichen wir Laufen, dort kaufen wir schweizerisches Wasser und sicher auch etwas kleines zu essen, dann geht es den Passwang hoch, den ich bis zur Hälfte noch mit guter Geschwindigkeit nehme. Dann beginnt es steil zu werden, der erste Berg meines Lebens. Das Siebengebirge zählt da nicht. Tobi und Till ziehen locker an mir vorbei, mir kommen bei 8 km/h und brennenden Beinen erste Zweifel an unserem Vorhaben. Tobui guckt sich um und radelt wieder runter, denn Freddy liegt neben seinem Fahrrad am Hang. Ihm war seine Brille runtergefallen und wollte absteigen, fiel leider zu der Seite, wo sein Fuß noch im Pedal war. Außerdem stellte sich heraus, dass sein Ritzelpaket völlig hinüber war und bei jeder Steigung der Kraft nicht standhielt. Er denkt auch, was ist denn mit denen los, einer keucht kurz vorm krepieren, der andere fällt gleich um. Irgendwann erreiche ich den Gipfel, durch einen langen Tunnel, der nicht nur in meinem Kopf, sondern auch tatsächlich zu durchfahren war. Dann die Abfahrt, demzufolge auch meine eigentlich erste, die war aber sehr kurz. Gleich in der ersten Kurve riss es mein hinterrad rum, weil ich Nichtsblicker mit dem Innenpedal unten war. Der Effekt war, dass ich ordentlich mit der Felge durchschlug, aber auf dem Rad sitzen blieb, was wirklich glücklich war angesichts des entgegenkommenden Motorrads. Eine Lektion, die mich von da an sicher die Abfahrten herunterkommen ließ. Also noch ca. 20 km bis Solothurn, das rettende Ufer scheint in Sichtweite. Scheint - denn anstatt 160 km sind wir letztendlich 176 km unterwegs, als wir endlich um acht Uhr ankommen.
Schon völlig entnervt von insgesamt vier Platten an diesem ersten Tag, von denen einer auf mich und drei auf Till kamen. Der war schon ziemlich gereizt deswegen.
Leider konnten wir auch nicht vorher in Solothurn anrufen und Abendessen bestellen, da uns das erste Höhenprofil, auf dem auch für jeden Tag die Adresse und Telefonnummer der Jugendherberge Solothurn verzeichnet ist, abhanden gekommen ist. Diese leigt mitten in Solothurn an der Aare - wirklich sehr malerisch und Balsam auf unsere müden Knochen. Die Jugendherbegsmutter Frau Weber erweist sich aber als die personifizierte Kooperationsbereitschaft und macht uns ca 2500 g Nudeln, nachdem Tobi sie gefragt hat, ob sie uns jedem 500 g kochen kann. Da stutzte sie natürlich zweimal und berechnete uns dann dafür (plus Sauce) den Standardpreis von 11 Franken. Obergeil. Wir fressen also bis um halb elf das Zeug in uns rein und es geht echt gar nichts mehr, müssen sogar einen Teil der Nudeln zurückgeben, waschen dann noch ab, weil Frau Weber noch anderes zu tun hat. Danach gehen wir noch einmal um den Block, weil sich jetzt, am ersten Tag, noch der Anspruch bemerkbar macht, auch etwas zu sehen von den Orten, durch die wir kommen. Vor dem Essen hatten wir noch schnell geduscht und konnten dann um elf - völlig ermattet - ins Bett fallen.


