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Corona-Pandemie und die quäldich-Reisen: Es geht wieder los!

Forcella d'Entova (2738 m)

Schwierige Schotterpiste.

Auffahrten

Von Renko – Am zweiten Novemberwochenende fahre ich nach Sondrio (286 m).
Am 11.11.2006 um 11.03 fahre ich bei zwölf Grad los. Wieder wollen die Wettergötter nicht mitmachen; der Himmel ist entgegen der Wetterprognosen bedeckt. Das spielt jedoch keine Rolle, denn es gibt so oder so keine Sonne im unteren Bereich des tief eingeschnittenen Valmalenco. Auf Umwegen verliere ich Zeit, aber endlich erreiche ich Chiesa. Dann geht es durch eine steile Serpentinengruppe weiter bis San Giuseppe. Ein paar Kilometer danach erreiche ich schließlich eine Schranke. Mit etwa 1300 Höhenmetern in den Beinen, auf einem alten MTB mit dicken, nicht für Asphaltstraßen geeigneten Reifen habe ich das Gefühl, den Höhepunkt eines der ganz großen Alpenpässe erreicht zu haben. Aber hier, mit dem Ende der Asphaltierung, fängt die Arbeit erst richtig an!
Als Einführung in die Welt des MTB-Fahrers folgt eine längere, gut 15 Prozent steile Rampe mit freigespültem Unterbau. Hier wird dem Rennradfahrer einiges klar: während er sonst vor allem Ausdauer braucht, geht es hier um pure Kraft. Aber die habe ich nicht. Was die körperliche Belastung betrifft, waren die folgenden Kilometer nur vergleichbar mit Teilen der Auffahrten zum Monte Zoncolàn oder zwei Bergstraßen bei Bozen. Trotz Temperaturen von unter null Grad fließt der Schweiß wie im Sommer. Auf 1900 m flacht die Erdstraße ab, und es wird etwas gemütlicher. Erstmals sehe ich auch die Sonne, die es zwar geschafft hat, sich durch die immer schneller vorüberziehenden Schleierwolken zu kämpfen, jedoch zu dieser Jahreszeit keine nennenswerte Wärme mehr spendet.
Dann beginnt die einstige Zubringerstraße. Bei etwa 20 Prozent Steigung und tiefem Schotter komme ich ohne Klickpedale nicht weiter und muss, mich schämend, kurz zu Fuß weiter. Danach beginnt wieder der energieraubende Kampf gegen den erbarmungslosen Berg und den Belag. Der Weg ist einfach schrecklich, und mir wird klar, weshalb der Skibetrieb keine Chance hatte. Niemand wollte auf solch einem Sträßchen mit dem Auto fahren.
Während der Ehrgeiz mich weiter gnadenlos und blind vorantreibt, lässt die Motivation dennoch nach, denn im Unterbewusstsein ahne ich, dass allen Anstrengungen zum Trotz das Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist. Denn es ist drei Uhr, es fehlen immer noch sechshundert geschotterte Höhenmeter, und am Ende der Straße möchte ich noch 40 Minuten zu Fuß hinauf zum Rifugio, der wunderbaren Aussicht auf die Berninagruppe wegen. Die Wolken verdichten sich langsam.
Ich halte auf 2137 m an, völlig enttäuscht und vom Schweiß komplett nass. Der Wind kommt wieder auf. Auf einmal ist mir bis aufs Knochenmark kalt, und ich muss all die feuchten Klamotten bei Minustemperaturen ausziehen. Mit trockener Bekleidung verbringe ich zehn Minuten, esse etwas, genieße die Stille. Die Atmosphäre zu dieser Jahreszeit ist einmalig; etwas, was viele Radfahrer sicher noch nie erlebt haben. Die Natur ist komplett auf den Winter umgestellt, nichts wächst mehr oder bewegt sich, kein Vogel, kein Insekt, kein warnender Schrei eines Murmeltiers, gar nichts. Zwar liegt hier kein Schnee (zur Zeit liegt nicht einmal auf 2800m Schnee), aber alles Wasser ist bereits fest gefroren, auch die Wasserfälle.
Dann kehre ich um, sammle Erfahrung bei der extrem ruppigen Abfahrt, dann auf dem Asphalt schnell nach Chiesa und Sondrio, dann weiter bis Tirano und ab in ein teures, schlechtes Hotel.
Dieser Berg gibt zu denken. Auf dem Rennrad reicht die Ausdauer, um den ganzen Tag zu fahren, über einen Pass nach dem andern. Aber Forcella d'Entova macht einen Strich durch die Rechnung. MTB-Fahren verlangt zwar auch Ausdauer, aber vor allen Dingen viel, viel Kraft. Ich frage mich, wie MTB-Fahrer auf solchen steilen Schotterpisten zurecht kommen. Mein Respekt ihnen gegenüber war auf dem Wag zur Forcella d'Entova nahezu grenzenlos.

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