Geführte Dreiländertour 2007 / Umbrailpass im Dauerregen

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Erlebnisbericht: Geführte Dreiländertour 2007

Erlebnisbericht von Jan (weitere...) , Etappenbericht von TBone

Tag 3: Sta. Maria - Livigno: Umbrailpass im Dauerregen
65,3 km / 2452 Hm

Sta. Maria (0,0 km) - Umbrailpass (13,0 km) - Isolaccia (37,0 km) - Semogo (39,0 km) - Passo di Foscagno (52,0 km) - Trepalle (56,4 km) - Passo d'Eira (58,9 km) - Livigno (65,3 km)

Beschreibung

Am dritten Tag erwartet uns Dauerregen - so haben wir uns das nicht vorgestellt.2. Juli 2007

Als ich morgens aus dem Fenster schaue zeigt sich, dass die schlimmsten Befürchtungen bittere Realität wurden. Es hat die ganze Nacht in Strömen geregnet und macht nicht den Anschein, sich in absehbarer Zeit zu ändern. Zudem gab es einen deutlichen Temperatursturz. Sich durchnässt auf 2500 mund bei Temperaturen um den Gefrierpunkt in die Abfahrt zu stürzen, mag ich mir noch gar nicht vorstellen.

Beim Frühstück werden dann gemeinsam diverse Varianten durchdacht. Alternativ könnte man auf die Route A der Dreiländertour, also den über den Ofenpass und dann durch den 3.5 km langen Basistunnel Munt-la-Schera (1800 m) nach Livigno ausweichen. So recht kann sich aber keiner von uns mit dieser Minimallösung anfreunden, so dass wir beschliessen, auch bei Regen zunächst einmal den Umbrailpass (2501 m) anzugehen. Wir kennen ihn vom Vortag, als wir hier vom Stilfser Joch kommend abgefahren sind.

Diese Auffahrt ist ein Kaltstart, keine 300 m sind es vom Hotel bis zum Beginn der Steigung. Ab da geht es über 13.5 km ca. 1100 hm hinauf. Die erste Kehren tun mir weh und die Mitstreiter sind schnell enteilt. Plötzlich hört es dann doch auf zu regnen und fängt an richtig Spass zu machen. Es ist ruhig. Was für ein Kontrast zum Vortag am Stilfser Joch. Kaum ein Auto ist hier unterwegs. Bis hinauf zur Passhöhe sind es vielleicht gerade ein halbes Dutzend. Durch den Wald schraubt sich die Strasse empor, ich finde einen guten Tritt. Langsam stellt sich das Gefühl ein, das ich am Berg immer suche und doch so selten finde. Die Gedanken schweifen ab, ich bin da und doch ganz weit weg, zeitlos, allein, mit dem Berg und nicht gegen ihn. Irgendwann weicht der Asphalt dem Schotter auf dem ich die Spuren der Anderen sehe. Die Baumgrenze erreichend, erblicke ich sie dann vor mir. Jeder für sich, irgendwo in den Serpentinen zwischen den Wolkenfetzen. Ob es ihnen ähnlich geht? Aber was für ein schöner Pass! Eines ist klar: der Umbrailpass und ich, wir werden heute richtig dicke Freunde.

An einem Häuschen treffe ich Ullrich, der später auch immer wieder auf mich wartet. Zusammen vergehen die nächsten Kilometer durch die immer karger werdende Landschaft wie im Flug. Nach oben heraus wird es noch einmal schwer, denn nun weht ein erbarmungsloser Wind aus Richtung der Passhöhe. Dort angekommen, sehe ich in die tief verfrorenen Gesichter von Reinhard, Sandro undDaniel. In der Tat ist es verdammt kalt, aber trocken. Die Armen müssen hier schon eine ganze Weile gewartet haben.

Für die 19 km Abfahrt nach Bormio bin ich dankbar, trockene Wäsche, Fingerhandschuhe undeine Kopfbedeckung dabei zu haben. So richtig schnell geht es zunächst nicht, denn der bissige Gegenwind bremst uns erheblich. Die ca. 20 Kehren in der Braulioschlucht sind dann wieder ein Genuss und in den dunklen Tunneln ist auch für Nervenkitzel gesorgt.

Noch vor Mittag erreichen wir Bormio. Ein Blick zum wieder dunklen Himmel macht uns den Entscheid einfach: wir weichen von der geplanten Route über Tirano und die Bernina-Passroute nach Forcola die Livigno ab und fahren auf direktem Wege über den Passo di Fascagno (2291) und den Passo d`Eira (2208 m) nach Livigno (1816 m). Kurz vor Isolacccia (1350 m) zum Fusse des Foscagno wird uns klargemacht, wasuns erwartet. Ein heftiger Wolkenbruch, und wir sind pudel-nass. Es folgt die Flucht in die nächstbeste Spaghetteria, etwas zu Essen bevor wir die kommenden fast 1000 hm angehen kann nicht schaden.

Es braucht schon etwas Überwindung, bis wir uns danach entschliessen weiterzufahren. Noch im Ort beginnt der 18 km lange Anstieg zum Foscagno, und wieder versuche ich in Würde die „Rote Laterne“ auf den den Berg zu bringen. Der Regen wird immer stärker und wir fahren direkt in ein Gewitter hinein. Der Anstieg ist sanft und sehr rhythmisch zu fahren. Unter besseren Bedingungen wäre dies sicher ein Kinderspiel. Kilometer um Kilometer spule ich nach oben. Leider ist durch den dichten Regen von der Umgebung nicht wirklich viel zu erkennen.

Irgendwann sehe ich Jan vor mir. Er lässt sich langsam zurückfallen, zu schauen wie es der Laterne ergeht. Das erste was er zu mir sagt ist: „Du schaust ja noch ganz gut aus“. Das geht runter wie Öl. Danke Jan ! Auch wenn es geflunkert war, in dem Moment glaube ich ihm. Somit fahren wir zwei- drei km zusammen bis auch Bernd vor uns auftaucht. Gemeinsam erreichen wir die Galerien ca. 2 km vor der Passhöhe. Endlich mal ein kurzer Abschnitt miteinem Dach über dem Kopf, aber langsan schwinden die Kräfte. An mir gibt es keinen Quadratzentimeter trockene Haut mehr. Auf der Passhöhe ist der Niederschlag irgendwo zwischen fest und flüssig und an den Berghängen sehen wir, dass die Schneefallgrenze nur knapp über uns liegt. Ein gut sichtbares digitales Thermometer zeigt 3 Grad Celsius an. Ich fahre durch, trockene Sachen habe ich eh nicht mehr im Rucksack.

Es folgen 270 Hm Abfahrt bis Madonna del Soccorso (2021 m). Was für eine Qual. Ich fühle meine Finger nicht mehr. Das Wasser läuft in Sturzbächen über die Strasse. Hier gibt es reichlich Tankstellen, Parfüm- und Tabak-Geschäfte. Klar, wir sind im Zollauschlussgebiet von Livigno. Willkommen in dem Land, in dem die Benzinpreise mit vier Stellen hinter dem Komma angeschlagen sind. Heerscharen von Tankwärtern stehen bei Alpenmusik mitten im Hochgebirge, bereit Eure Karossen zu befüllen. Die letzten 190 hm hinauf zum Passo d`Era (2208) nehme ich nur noch am Rande wahr. Oben halte ich doch kurz an.

Für die Abfahrt nach Livigno (1816 m) muss ich noch irgendwas überziehen. Aber wie? Kennt Ihr das Gefühl wenn man als Kind zulange im Schnee gespielt hat und die Finger erst taub sind und dann nur noch schmerzen? Das Gefühl, wenn die Durchblutung langsam wieder einsetzt? Ich bekomme kaum den Rucksack auf und schaffe es doch noch irgendwie die Beinlinge überzustreifen und die Windweste unter die Regenjacke zu ziehen. Ich warte noch eine Weile, denn Bernd muss noch hinter mir sein. Zuletzt habe ich ihn auf der Passhöhe des Foscagno aus dem Augenwinkel gesehen. Dann fahre ich doch weiter, es ist einfach zu kalt hier oben herumzustehen. Noch 7 km hinunter und den Lenker kann ich vor Zittern kaum geradeaus halten.

Irgendwann sehe ich am Strassenrand eine dunkle Gestalt winken. Erst im letzten Moment erkenne ich Jan. Hier ist das Hotel und er hat tatsächlich im Regen auf mich gewartet, damit ich nicht vorbeischlotter und später den Berg wieder hochfahren muss. Unter der warmen Dusche brauche ich fast eine Viertelstunde bis das Zittern aufhört, noch nie sehnte ich mich so nach trockenen, warmen Klamotten. Von Bernd hören wir, dass er zwischenzeitlich kurz nach dem Foscagno in eine Pizzeria eingekehrt ist. Dort wurden seine Sachen am- , z.T. auch im Pizzaofen getrocknet und er wahrhaft mütterlich von der Wirtin umsorgt. Sogar die dicken Wollsocken des mürrischen Hausherrn wurden ihm anvertraut. Später zeigt er uns auch seine verkohlten Radsocken, die den Pizzaofen dann doch nicht überlebt hatten. Abends sind wir wohl alle froh diesen Tag hinter uns gebracht zu haben, aber mal ehrlich: das sind doch genau die Geschichten die wir Zuhause erzählen wollen. Schliesslich sind wir auf einer Quäldich-Tour, das mit dem „Warmduschen“ kann man dann ja weglassen.