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Jahorina (1560 m)

Der nächste Morgen. Kalt aber tolle Aussicht

Auffahrten

Von Renko – Der Beginn dieser langen Auffahrt liegt in der Stadt Goražde im Drina-Tal. Vom Stadtzentrum folgt man der Beschilderung nach Prača. Nach einem Denkmal kommt es zu einer Gabelung. Man fährt rechts, und die Straße beginnt deutlich anzusteigen. Mittels Serpentinen wird rasch an Höhe gewonnen. Die Straße bietet nun immer bessere Ausblicke über Goražde und die Drina auf die gegenüber liegenden Berge.

Hier stehen einige neue Häuser und auch jede Menge Ruinen – die Frontlinie zwischen den Verteidigern von Goražde und den Streitkräften der Bosnischen Serben verlief genau hier. Danach folgt ein längerer Abschnitt mit Warnzeichen links und rechts vor Minen – dies gehört zu den wenigen noch nicht entminten Gebieten in Bosnien.

Der Höhengewinn dauert weiter an, rechts gibt es eine alte islamische Gedenkstätte, sie steht unter dem Schutz der Republika Srpska, denn die Straße bildet hier die seit 1995 geltende, sogenannte Entitätslinie.
Die Straße ist asphaltiert, aber sie ist stark in die Jahre gekommen und fordert eine gute Menge zusätzlicher Energie.

Auf ungefähr 1000 m Höhe kommt es zu einer Gabelung. Rechts biegt eine Schotterpiste ab, sie führt hinab nach Mesici im Tal des Flusses Prača (hier kann man zurück zur Drina fahren oder auf der Trasse der ehemaligen Bosnischen Ostbahn bis zum Dorf Prača fahren, das auch auf der Route der hier beschriebenen Straße liegt). Unsere Straße führt links, gleichzeitig geht die alte Asphaltierung in Staub und Schotter über.

Mit mäßigem Höhengewinn führt die Straße weiter. Das Drina-Tal beginnt aus der Sicht zu verschwinden, die Landschaft wird zunehmend alpiner.

Schließlich wird ein Höhepunkt erreicht, eine leichte Abfahrt beginnt. Links biegt eine vermutlich aus Goražde beginnende Schotterpiste ein, nun beginnt die Straße wieder anzusteigen. Bald verengt sich die Landschaft, man fährt in ein sehr ursprüngliches Gebiet mit alten und auch neuen Bauernhäusern. Man könnte im 18. Jahrhundert sein, es sei denn, es gäbe keine Autos oder die zahlreichen neueren Grabsteine. Die Straße schlängelt sich, noch an Höhe gewinnend, und führt dann in eine Klemme. Dahinter beginnt eine steilere, serpentinenreiche Abfahrt teils auf Asphalt, teils auf Staub.
Danach breitet sich das neue Tal aus. Unsere Strasse erreicht dann die erwähnte ehemalige Eisenbahntrasse aus Ustiprača.

Links geht es auf der nun breiteren, durchwegs asphaltierten Strasse nach Prača. Danach wird die Entitätslinie erneut überquert. Hier führt die Hauptstraße direkt in Richtung des Olympiadorfs Pale und Sarajewo.

Links biegt an einer Tankstelle die Straße zum Jahorina ab. SIe führt in ein enges Tal und weist während mehrerer Kilometer nur geringen Höhengewinn auf. Der Talboden und die Bauernhäuser sind wunderbar und mit sichtlich viel Aufwand gepflegt, man könnte sich wirklich in den Schweizer Alpen befinden. Das Gebiet war stets nur von Serben bewohnt – da kam es weder zu Kampfhandlungen noch zur Vertreibung der einen oder anderen Religionsgruppe. Das Gebiet wirkt wie ein Stück Paradies: ein Bach fliesst sanft, Kühe fressen frei in den Feldern, kaum Verkehr – nur Stille.

Langsam nähert man sich dem hinteren Ende des Tals, und die Straße beginnt etwas deutlicher an Höhe zu gewinnen. Serpentinen folgen auf der gut ausgebauten Straße. Am Morgen ist die Luft hier glasklar, und die Auffahrt bietet immer prächtigere Ausblicke über das Tal auf die umliegende Bergwelt.

Auf rund 1600 m Höhe flacht die Straße ab und beginnt vor einer Hotelsiedlung leicht an Höhe zu verlieren. Hier handelt es sich um das Ski-Dorf Jahorina. Es gibt mehrere Hotels, die sich im Umbau befinden, wie ja auch in den Sommermonaten in den Skiorten der Alpen. Der Ort macht jedoch einen freundlicheren, ästhetischen Eindruck als beispielsweise die typischen französischen Retortenstationen.

Danach geht die Straße in eine Serpentinenabfahrt über. An einem Partisanendenkmal führt die Hauptstraße weiter hinab nach Pale und Sarajewo. Links biegt eine Straße ab: Sie verliert zuerst sanft an Höhe, beginnt dann erneut zu steigen. Dieses Wechselspiel geht weiter und scheint endlos anzudauern – der Autor hatte seit Gorazde am Vortag nichts nennenswertes mehr gegessen. Die Landschaft ist wieder wunderschön alpin: Bauernhöfe und Wälder. Die Ähnlichkeiten mit den Alpen überraschen immer wieder.

Nun spielt die neue politische Ordnung eine Rolle. Hier oben im Territorium der Serbenrepublik gibt es Wegweisschilder zu Dörfern, aber keine zur 400.000-Seelen-Stadt Sarajewo, die unten im Haupttal liegt. An einem ausgebrannten Haus biege ich in ein nicht ausgeschildertes, uraltes Sträßchen ein, das rasch an Höhe zu verlieren beginnt. Nun geht die Post ab: Plötzlich wechselt der Belag von uralt zu neu (wahrscheinlich die Entitätslinie), die Abfahrt setzt sich mit 15 % Gefälle fort. Die Sicht ist plötzlich frei auf Sarajewo, und nun folgt eine Express-Abfahrt hinab, durch restaurierte Häuser, ausgedehnte Grabenfelder, auf einem in uraltes Kopfsteinpflaster übergegangenen Sträßchen, das schließlich so steil, rutschig und einfach schlecht ist, dass ich mich auf dem MTB einige Meter lang nicht mehr getraue im Sattel zu bleiben!

Dann quert man eine Hauptstraße, die Abfahrt setzt sich nochmals kurz fort und geht am Fluss Miljaca zu Ende. Ganz in der Nähe ist die Latinski-Brücke, dahinter die restaurierte und verkehrsfreie türkische Altstadt Baščaršija.

Für Radler hat diese lange Traverse vom Drina-Tal nach Sarajewo enorm viel positives. Das Drina-Tal ist landschaftlich und geschichtlich hochinteressant. Die Landschaften in den Bergen erinnern an die Alpen, sind aber oft ursprünglicher, wie die Alpen vielleicht vor 50 Jahren ausgesehen haben dürften. Aber allen voran ist der Abschluss fast einmalig: aus den Bergen führen Sträßchen (besser gesagt: Rattenwege) sausteil den Berg hinab und spucken den Radler direkt in das Zentrum einer Weltstadt ab – dramatischer könnte die Ankunft kaum sein wie hier in Sarajewo!

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07:00:00 | 21.08.2011
Renko
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